Samstag, 28. Februar 2009

Ordnungspolitik, 10°C, Energiedichte, Schelsky



Erstmals seit November steigt das Thermometer wieder auf 10°C !

Quelle: www.eike-klima-energie.eu/

- "Wer weniger hat, als er begehrt, muß wissen, daß er mehr hat, als er wert ist." Lichtenberg

- "Hans Willgerodt
Von der Wertfreiheit zur Wertlosigkeit
Gute Wirtschaftspolitik wird von Systemdenken geleitet. Ihm dient die Lehre von der allgemeinen Wirtschafts- und Ordnungspolitik. Sie aber wird ..." 27.2. FAZ

- - Energiedichte: 5,7 l Diesel entsprechen im Energiegehalt einem Kofferraum voll Batterien oder : 400 kg Li-Ionen-Akkus entsprechen 5 kg Diesel (Auf Wiedersehen - in 20 Jahren, Autos mit Elektromotor, Focus 9/2009, S. 99)

- " Auf den Gipfeln, hinter den Kulissen.
VON WOLF LEPENIES24. Februar 2009 WELT online
Vor 25 Jahren starb der Soziologe Helmut Schelsky, der Denker einer skeptischen Generation

Moralische Reibung kann intellektuelle Energie erzeugen. In der jungen Bundesrepublik war dies der Fall. Hier trafen Emigranten und Mitläufer aufeinander, Gegner des Naziregimes und seine Nutznießer, deutsche Juden, die aus ihrem Vaterland vertrieben wurden, und Deutsche, die dafür verantwortlich waren. In Politik, Kultur und Wissenschaft bildeten sich Milieus von hoher innerer Spannung. Als im Oktober 1960 die Soziologen im Jagdschloss Niederwald zusammenkamen, stritten nach Deutschland zurückgekehrte Emigranten wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und René König mit Hans Freyer und Arnold Gehlen, die in der Nazizeit Karriere gemacht hatten.

Zu den Teilnehmern des Treffens gehörte auch Helmut Schelsky, der Anfang der Dreißiger bei Gehlen in Leipzig studiert hatte und 1938 mit ihm als Assistent an die Universität Königsberg gewechselt war. Für Schelsky war sein Lehrer, Kollege und Freund Arnold Gehlen im Niederwald "als eindeutiger Sieger vom Platz gegangen". Er sagte voraus, dass Gehlen in Zukunft aus Frankfurt keinen politischen Angriff mehr zu erwarten haben werde. Im Gegenteil: Er werde sogar die "beschränkte Patronage" der Frankfurter Schule genießen. Diese Prophezeiung traf ein. In der Öffentlichkeit benahmen sich, wie Adorno mit Blick auf Gehlen schrieb, die beiden Kontrahenten wie zwei riesige Doggen, die ohne zu beißen ihres Weges zogen. Privat gratulierten Gehlen und Adorno sich dazu, unabhängig voneinander exklusive Wahrheiten gefunden zu haben. In der "Aversion gegen das existenzielle Geschwafel" und in der Einsicht in die "Verdummung und Verdunkelung" der Gegenwart gab es zwischen ihnen keine Differenzen.

Zwischen Arnold Gehlen und seinem früheren Schüler Helmut Schelsky dagegen kam es Ende der Sechzigerjahre zur Entfremdung und zur Aufkündigung einer langen Freundschaft. 1933 war der 21jährige Schelsky dem "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund", 1937 der NSDAP beigetreten. Für sich und seine Lehrer Hans Freyer und Arnold Gehlen nahm er in Anspruch, aus ideellen Motiven gehandelt zu haben. Ein "Bekenntnis zur Straßen- und Parteikampfbewegung der Nationalsozialisten" sei damit nicht verbunden gewesen. 1940 ging Schelsky mit seinem Doktorvater Freyer nach Budapest, der dort zum Leiter des deutschen Kulturinstituts ernannt worden war. Dann wurde er als Offizier einer Sturmtruppe an die Ostfront versetzt, nahm an den Endkämpfen in Ostpreußen teil, wurde schwer verwundet und erlebte das Kriegsende in Schleswig-Holstein. Von 1945 bis 1948 half Schelsky, den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes mit aufzubauen - eine Tätigkeit, die er im Rückblick als besonders befriedigend beschrieb.

Wie viele Deutsche glaubte Helmut Schelsky, mit den Gefährdungen seiner Soldatenzeit für die Verirrungen seiner Jugend ausreichend bezahlt zu haben. Hinzu kam die trotzige Befriedigung darüber, dass der "verspätete, aber sein Leben einsetzende und scheiternde Widerstandskampf gegen Hitler" von Männern angeführt worden war, die zu den moralischen Eliten der nationalen Jugendbewegung gehört hatten. Ihnen fühlte sich Schelsky zeitlebens verbunden. Den von ihm so genannten "Parteidemokraten", die Deutschland nach der Machtübernahme Hitlers verlassen hatten, begegnete er stets mit gutem Gewissen und manches Mal fast mit Verachtung. Emigration war für ihn Flucht gewesen, nicht Vertreibung.

Nach 1945 nahm Schelsky das Recht auf demokratisches Selbstbewusstsein für sich in Anspruch. Die Solidarität mit seinen Lehrern, die sich unter der nationalsozialistischen Diktatur herausgebildet hatte, blieb vom Übergang in die Demokratie unberührt. Von Freyer, den ein Kritiker als "typischen Radau-Nationalsozialisten" bezeichnete, sagte Schelsky, er sei ein "totaler Nicht-Aktivist" gewesen und habe ihn demokratisch leben gelehrt. Besonders eng gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Arnold Gehlen, mit dem zusammen er 1955 ein Lehr- und Handbuch der Soziologie herausgab. Als Gehlens Buch "Urmensch und Spätkultur" in einer "unreifen" Besprechung kritisiert wurde, riet Schelsky dem Rezensenten Jürgen Habermas, sorgfältiger zu lesen und sich mit vorschnellen Urteilen zurückzuhalten.

Nicht zuletzt als Reaktion auf die Studentenrevolte veröffentlichte Gehlen 1969 sein Pamphlet "Moral und Hypermoral". Schelsky war enttäuscht und entsetzt. Für ihn hatte Gehlen mit seinem aggressiven und aufgeregten Buch nicht nur die Wissenschaft verlassen - er hatte auch moralisch-politische Überzeugungen dem Spott preisgegeben, zu denen sich Schelsky als gelernter Demokrat bekannte. "Moral und Hypermoral" war eine Abrechnung mit dem von Gehlen so genannten "Humanitarismus", der aus dem Binnenethos der Familie entwickelten, "unterschiedslosen Menschenliebe". Gehlen spottete über die Verweichlichung und Verweiblichung, die dieses Ethos zur Folge hatte. Als Konsequenz, so klagte er, degeneriere auch der Staat; in der Bundesrepublik beschränke er sich mehr und mehr auf die Rolle als "Exekutive von Verbandskompromissen und Auszahlungskasse". Demgegenüber formulierte Gehlen im Anklang an Bismarck sein Institutionenethos: "Sich von den Institutionen konsumieren zu lassen, gibt einen Weg zur Würde für jedermann frei, und wer seine Pflicht tut, hat ein Motiv, das von jedem anderen her unbestreitbar ist." Im Nachkriegsdeutschland hätten die Institutionen längst die Kraft und den Mut verloren, den Einzelnen zu disziplinieren. Daher suchte Gehlen seine Vorbilder andernorts: Mao und die amerikanischen und sowjetischen Falken gehörten dazu. Er lobte die skrupellose Entschlossenheit, mit der in China und in der UdSSR der Staat auf Protest und Provokationen reagierte. Die Niederschlagung des weitgehend von Intellektuellen getragenen Prager Frühlings im August 1968 nannte Gehlen "ein Ereignis ersten Ranges" und sprach schadenfroh von einem Trauma, das den Dissidenten damit bereitet worden war.

"Woher kommt Deine Aggression?", war die Frage, die Schelsky nach der Lektüre des Buches an Gehlen richtete. Schelsky bestritt das Vorhandensein eines allgemeinen Institutionenethos. Gehlen warf er vor, keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Herrschaftsphilosophie für die Starken und Eroberer geliefert zu haben. Machtverklärung aber könne sich ein westdeutscher Professor 25 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht leisten. Am schlimmsten: Gehlen habe mit seiner Attacke einen politisch realistischen Konservatismus, der auf Ordnung, Rechtsstrenge und Würde beruhte, in Misskredit gebracht. Schelsky stellte sich in die Reihe derer, die Gehlen angegriffen hatte. Er verteidigte den humanitären Intellektualismus als die einzige "weltpolitische Waffe", die den Schwachen in der Gegenwart geblieben war. Gehlen ließ sich davon nicht beeindrucken.

Die entschiedene Antwort gab Jürgen Habermas in seiner Kritik an Gehlens Buch, die im April 1970 im "Merkur" erschien: "Humanität ist die Kühnheit, die uns am Ende übrig bleibt..." Gehlens Begeisterung für das Institutionenethos bezeichnete Habermas als "einen absichtsvollen Rückschritt in der Humanität" und fügte hinzu: "Revolution von rechts nannte man das zu einer Zeit, als man noch Illusionen hegen konnte über solche Empfehlungen." Damit war der Nerv getroffen, der Schelsky an Gehlens Pamphlet so irritiert hatte. Er hatte nie verleugnet, dass die politischen Überzeugungen seiner Jugend vom Gedankengut der "Revolution von rechts" bestimmt wurden. Aber ebenso entschieden hatte er sich davon später distanziert. In Gehlens Nähe zu bleiben, hätte Zweifel aufkommen lassen, ob Schelskys Distanzierung von den politischen Irrungen seiner Jugend aufrichtig war.

Schelsky machte sich die Einwände von Habermas weitgehend zu eigen. Gleichzeitig kritisierte er ihn aber auch und unterschob ihm eine Verwandtschaft, die Habermas kaum willkommen sein konnte: Was war die "Kommunikationsgemeinschaft", die bei Habermas eine zentrale Rolle spielte, anderes als Freyers "Volksgemeinschaft"? An die Stelle der Gehlen-Seminare, die Schelsky einst veranstaltet hatte, traten jetzt Habermas-Seminare. Bereits davor hatte er Habermas eingeladen, Mitglied in einer "Kleinstgesellschaft für Soziologie auf Zeit" zu werden, in der sich erhöhte Chancen der Kooperation und Kommunikation böten.

Gehlen hatte in "Moral und Hypermoral" die Intellektuellen aufs Korn genommen, die er als "Gegen-Aristokratie" verspottete. Sechs Jahre nachdem Schelsky Gehlen kritisiert hatte schrieb er selbst einen Traktat, in dem er mit "Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen" abrechnete. Er hatte die Genugtuung, dass sein Buch "Die Arbeit tun die anderen" ein Bestseller wurde. Ähnlich wie Gehlen, dem er "literarische Spielerei" vorgeworfen hatte, entfernte sich nun auch Schelsky von seinem eigenen Fach. Er stilisierte sich zum Anti-Soziologen, der seine Fachkollegen zu den Sinnproduzenten rechnete, die in der modernen Gesellschaft eine unproduktive, "ihrerseits die Güter-Produzenten ausbeutende Klasse" bildeten. Schelsky konnte sich freilich nicht entschließen, ob er die Soziologie, diese "Bewusstseinsführungswissenschaft", für gefährlich oder für langweilig hielt. Als die Deutsche Gesellschaft für Soziologie einmal fälschlich als DSG bezeichnet wurde - dem Kürzel für die Deutsche Schlafwagen-Gesellschaft - sah er darin wohl eine gewisse Berechtigung.

Mitläufer und Sympathisanten der 68er-Bewegung, schrieb Schelsky, verfolgten eine "kühle und realistische Strategie der Systemüberwindung", die den Bestand der Bundesrepublik bedrohte. Schelsky reagierte zunehmend verbittert, wenn an seine Zeit unter der Diktatur erinnert wurde, um ihm die Berechtigung abzusprechen, die Demokratie gegen Angriffe von links zu verteidigen. Er suchte nach Möglichkeiten, eine große Koalition über ideologische Grenzen hinweg zu bilden, um der Strategie der Systemüberwindung eine Strategie der Systemerhaltung entgegenzustellen.

Im August 1975 formulierte Schelsky einen Appell an Heinrich Böll, mit dem er die zweite Auflage von "Die Arbeit tun die anderen" abschloss. Bölls Aufruf für Ulrike Meinhof hielt Schelsky für einen Skandal. Er charakterisierte den Nobelpreisträger als "Kardinal und Märtyrer" zugleich, als einen "mit seinem Leid wuchernden Egozentriker der publizistischen Macht". Bölls Klage vom Verfall der öffentlichen Meinung in der Bundesrepublik wies er mit soziologischer Autorität zurück. Der Ursprung moralischen Handelns und Urteilens liege stets im vor-öffentlichen, im privaten Bereich.

Folgerichtig machte Schelsky den Vorschlag, Böll möge ihm helfen, "ein privat bleibendes Experiment auf zwei Jahre" zu verwirklichen. Zwölf bis zwanzig deutsche Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler sollten sich, hinter den Kulissen der Publizität, regelmäßig treffen. Eine "stillschweigende Verständigung von Literatur und Wissenschaft" könne zu einem Konsens über strittige gesellschaftspolitische Fragen führen. Schelsky fragte Böll, den er als Doyen der bundesdeutschen Literatur anerkannte, ob damit "für die geistige, moralische und politische Einheit der Menschen in unserem Staat nicht mehr gewonnen werden könnte als durch eine gewollte oder ungewollte Parteinahme für die SPD oder die CDU".

In einem Vortrag vor dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger zog Helmut Schelsky Anfang der Siebzigerjahre eine trübe Bilanz: Die politisch-geistigen Grundlagen der Ära Adenauer seien verschlissen. Wieder einmal habe sich gezeigt, dass die Erfahrungen einer Generation sich nicht auf die nächste übertragen lassen. Auf einmal gelte der "Wiederaufbau" des westdeutschen Staates, an dem er sich entschlossen beteiligt hatte, als "Restauration". Die politischen Parteien schienen nicht in der Lage, entgegenzusteuern. So erklärte sich Schelskys späte Skepsis gegenüber dem "demokratischen Öffentlichkeitsgebot des Sozialstaates" (Habermas). Was ihm blieb, war die Hoffnung auf die politische Wirkung privater Gesprächskreise. Mit Stolz und Selbstironie berichtete er, dass ihn in seinem Alterssitz im Burgenland "radikalsozialistische Assistenten" und "ratlose Bundeswehroffiziere" aufsuchten."

Freitag, 27. Februar 2009

EZB soll Banken beaufsichtigen, Zwei Köpfchen für den Sozialismus




FAZ-Titelbild 26.2.09: So ein junger Nachwuchspolitiker kann doch noch nicht alles wissen!

Auch Opel war kein Amerikaner; er hat gewußt, anders als dieser Opel-Arbeiter, daß man nur die Autos verkaufen kann, die nicht mit viel zu hohen Löhnen gebaut wurden.

- Sinn (H.-W.) ist auch dabei: " EZB soll Banken beaufsichtigen . Ökonomen fordern Reformen an den Finanzmärkten. Die zwangsweise Bildung zusätzlicher Reserven in wirtschaftlich guten Zeiten kann künftige Krisen abmildern. Vorbild sollen die spanischen Banken sein ... " // Kann ich mir als Verbesserung vorstellen, auf keinen Fall eine Stelle bei EU-Kommission!

- Jochen Hörisch hat's gewußt: " Aber alles und noch die dialektischsten Organisationsformen von Banken haben ihren Preis. Man muß für alles und noch dafür, daß Geld und Zeit liquide bleiben, zahlen. Es gibt eben nichts umsonst. ..." J. H., Beschleunigen oder Bremsen, in: Im Rausch der Geschwindigkeit, hg. vom Heidelberger Club f. Wirtschaft u. Kultur e.V., 1999

- Comroad, Schnabel, Serie Finanzskandale Nr. 6 : Die Luftnummern des Herrn Schnabel, 26.2.09 FAZ : "In der Öffentlichkeit sind die Namen verblasst: Balsam, Metallgesellschaft, Enron, Flowtex, Comroad, Worldcom, Parmalat. Um die Jahrtausendwende standen sie für Unternehmen, die in Bilanzskandale verwickelt oder in existenzgefährdende Schieflagen geraten waren. Wirtschaftsprüfer zucken heute noch bei Nennung dieser Namen zusammen. FAZ.NET 05. Mai 20
Ballwieser, Wolfgang: Wirtschaftsprüfung im Wandel // Comroad und der Techniker Bodo Schnabel steuern eine große Lektion bei in Betriebswirtschaft, Finanzwissenschaft, Marketing, Börsenwesen, Anlegerpsychologie und Anthropologie, eine, die Stoff für ein Hauptseminar bietet, ad saeculum saeculorum.

- Zwei Köpfchen für den Sozialismus oder Briefwechsel: Enzensberger - Hacks , FAZ 27.2.09 : Die Briefe sprechen für sich ("adenauer und ulbricht verkörpern das übelste, was heute auf beiden hälften der welt zu finden ist." Enzensberger) "Wie, glauben Sie, sähe Ungarn heute aus, wenn die Sowjetunion nicht eingegriffen hätte?" (Hacks)
Man kann noch ergänzen:
Die Sprache der Kanaille oder Hacks liest Goethe und hackt Gretchen sowie Philemon und Baucis kurz und klein: "Ich finde an Gretchen nicht das Positive ... aufgehoben durch ihren eigenen Unwert. Sie ist nichts und hat also nichts hinzugeben ... Aber das deutsche Kleinbürgerweib ist eben nicht präsozial, sondern es ist, im Gegenteil, stärker als jeder andere Mensch zerstört und gesellschaftlich invalid ... Philemon und Baucis sind mehr lächerlich als rührend. ... 'Traue nicht dem Wasserboden', das ist einfach die Haltung des DDR-Bauern zum Mais. Das muß weg. Das kommt auch weg, auf sündhafte Weise; aber Fausts Sünde ist des Fortschritts Sünde. Faust handelt positiv. ..." FAUST-NOTIZEN des Peter Hacks, in: P.H., Das Poetische, es 1972, S. 58 ff.
Bei Enzensberger erinnere ich mich zudem an "die verteidigung der wölfe gegen die lämmer" (1957), an die Aufforderung, die Fahrpläne zu lesen, statt der Oden ("Ins Lesebuch für die Oberstufe") : "Wut und Geduld sind nötig, in die Lungen der Macht zu blasen den feinen, tödlichen Staub" . Zwei tolle Burschen, die da präsentiert werden.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Pausenloses Krisengerede mit starken Vokabeln




ANEMONE

Erschütterer -: Anemone,
die Erde ist kalt, ist nichts,
da murmelt deine Krone
ein Wort des Glaubens, des Lichts.

Der Erde ohne Güte.
der nur die Macht gerät,
ward deine leise Blüte
so schweigend hingesät.

Erschütterer -: Anemone,
du trägst den Glauben, das Licht,
den einst der Sommer als Krone
aus großen Blüten flicht.

Gottfried Benn

Nichts gegen Anemonen! Aber gegen Schneeglöckchen können sie nur ihre dunkle Vokalmelodie ins Feld führen.

- Pausenloses Krisengerede mit starken Vokabeln: Das Problem der sich selbst erfüllenden Prophezeiung ist ein sehr ernsthaftes, besonders in einer Krise auf höchstem Wohlstandsniveau. Daher sollten alle Diskutanten sehr sorgfältig auf ihre Wortwahl achten. Wer will denn noch investieren, wenn alle Posaunen vor Jericho geblasen werden? Da wir alle im Nebel stehen, nicht genau erkennen, sondern mutmaßen, gilt das Gebot der Vermeidung aller alarmistischen Töne besonders. Wir leiden nicht unter der massenhaften Zerstörung von Gütern und Leben durch Krieg, sondern unter vielfachen Phänomenen des Leichtsinns, wie sie der Wohlstand geradezu gesetzmäßig hervorbringt, allen voran ging der Leichtsinn und bedenkliche Unsinn der Liquiditätsausweitung durch andauernde Niedrigzinspolitik der Notenbankbeamten, zunächst in Japan, dann auch folgend in den USA. Der Kredithebel muß also jetzt verkürzt werden; die Party war schön, aber sie ist jetzt erst einmal vorbei. Die nächste Party kommt allerdings bestimmt, lassen wir uns überraschen , wann. Aber auch für die wird gelten: es wird wieder viele geben, die zu viel trinken und mit vernebelten Sinnen erneut irgendwelchen Unsinn stiften werden. Auf staatlicher Seite und auch auf privater. Auch das wird sich wieder korrigieren. Seit Lucy ging es ...

- "Das faule System der Landesbanken
Von Hanno Mußler FAZ 25. Februar 2009 Nach West LB und Bayern LB bewahren die Eigner, Bundesländer und regionale Sparkassen, nun mit der HSH Nordbank zum dritten Mal seit Ausbruch der Finanzkrise eine Landesbank mit Milliardensummen vor der Schließung. Auch Sachsen LB und Landesbank Rheinland-Pfalz waren nicht überlebensfähig und sind in den vergangenen Monaten in der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) aufgegangen. Und auch die einst starke LBBW wird die Finanzkrise nur überstehen, wenn sie in den kommenden Wochen zusätzliches Eigenkapital erhält. Das erscheint zwar sicher; aber ist es auch sinnvoll? ... Zwischen 2001 und 2005 waren nur wenige Landesbanken in der Lage, dieses Geld im Überfluss sinnvoll zu verwenden. Die meisten haben bis heute wenige feste Kunden. Die HSH Nordbank zum Beispiel hat bei einer Bilanzsumme von 200 Milliarden Euro je 5 Milliarden Euro Kredite an Mittelständler in Schleswig-Holstein und in Hamburg ausgereicht. Dagegen liegen 30 Milliarden Euro in Kreditderivaten. Selbst in der vermeintlich bodenständigen LBBW beträgt das Kreditersatzgeschäft, wie die Landesbanker ihre waghalsigen Geschäfte euphemistisch nennen, 90 Milliarden Euro. Landespolitiker und Sparkassenfunktionäre stimmten im Aufsichtsrat dem Treiben lange zu. ..."

- NA / Aurubis: "Norddeutsche Affi mit hohem Quartalsverlust.
Kupferprodukte sind weniger gefragt, der Preis für das Metall ist eingebrochen. In der Folge ist Europas größte Kupferhütte, die Norddeutsche Affinerie, Ende 2008 tief in die roten Zahlen geraten. Weitere Kurzarbeit ist nicht ausgeschlossen. ... " abendblatt.de/Reuters

- Arbeitlosenrate steigt in Deutschland auf 8,5% ; Amerika ist in der Hauptsache sozialer: im Januar betrug die Arbeitslosigkeit in den USA 7,6 Prozent (nennt der "Stern" eine "Horrorzahl", ohne die deutsche Zahl zu nennen.)

- Die roten Juristen von 1968 : "Lohnwucher unzumutbar .
Auch Empfänger von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) müssen nicht für sittenwidrige Löhne arbeiten. Als "Lohnwucher" bezeichnete das Sozialgericht ... einen Stundenverdienst von 4,50 € ..." 25.2. // Da sitzt die Dame doch lieber auf dem Sofa, knabbert Erdnüsse, raucht Marlboro, trinkt Bier und schaut Pornos. Sie könnte etwa 1100 € verdienen (plus Wohngeld etc.), das wäre zudem auch gesünder.
- "... Den gültigen Hartz-IV-Satz von 351 Euro finden die Experten zu hoch. ... Friedrich Thießen, Professor für Finanzen an der Technischen Universität Chemnitz, und sein Kollege Christian Fischer halten laut ihrer Studie dagegen 132 Euro Arbeitslosengeld II im Monat für das Minimum einer Existenzsicherung. Infrage stellen die beiden Wissenschaftler die Berechnung der geltenden Hartz-IV-Sätze. „Tatsächlich erhalten die Sozialleistungsempfänger aber mehr als das Existenzminimum, nämlich einen Lebensstandard, der sich an dem der arbeitenden Bevölkerung orientiert“, schreiben Thießen und Fischer. ... Sie nehmen für ihre Studie den Fall eines arbeitslosen, gesunden erwachsenen Mannes („Körpergröße 1,70 m, Gewicht 70 kg“) mit „deutschen Verbrauchsgewohnheiten“ an. Dann gehen sie mit diesem Modellmann einkaufen: Sie simulieren einen durchschnittlichen Monat, in dem der Hartz-IV-Empfänger ausschließlich seinen notwendigen Bedarf deckt. ... Das Fazit: Die Sozialleistungen in bisheriger Höhe halten die Forscher für ungerechtfertigt. Sie fordern eine Debatte in Deutschland über die Höhe der Regelsätze. Insbesondere stellen sie den Begriff „kulturelles Existenzminimum“ infrage. Dieser definiert den Finanzwissenschaftlern zufolge mehr Bedürfnisse, als nötig wären – wie die Teilhabe an Kulturgenüssen. Dafür muss der Staat, so die These, den Arbeitslosen kein Geld bereitstellen. ..." (http://nachrichten.aol.de/)
- Ich selbst habe übrigens nach dem 2. Staatsexamen mit 10 DM / 5€ pro selbst acquirierter Nachhilfestunde bei zunächst 2-3 Stunden täglich gearbeitet.

- Allianz: Dresdner Bank hat die Allianz ca. 50 Mrd. Euro gekostet.

- Erfreulich: Condoleezza Rice wird ihre Memoiren in drei Bänden veröffentlichen. Zunächst ist für 2011 ein Buch über die Zeit als Sicherheitsberaterin und Außenministerin von Präsident George W. Bush geplant. Sie werde "freimütige Schilderungen ... " FAZ 25.2.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Keynes: Radiovorträge, Immunsystem


STRIZZ, Reiche, FAZ
"Ordnung führt zu allen Tugenden! Aber was führt zur Ordnung?" Lichtenberg

Auch die Graureiher treten jetzt wieder paarweise auf. 2-5°C . Großer Kranichkeil nach Norden!

- - 5 (!) Tage im Februar: Zeitverschwenderei, Sauferei, schulfrei. Aber es wird pausenlos von Bildung geschwafelt.

- Keynes, Radiovorträge 1932, FAZ : " ... Ich habe zuvor gesagt, daß eine prosperierende Automobilindustrie eine nationale Notwendigkeit sei, und sei es nur, um einem bestimmten Typ von Engländer Gelegenheit zur Entfaltung zu geben. ... " // Nie las ich ein überzeugenderes Argument für den Protektionismus alias die Hochzollpolitik! Dank der FAZ, Dank R. Hank für diesen Abdruck! Wunderbar!
Inzwischen gehört RR zu BMW, Bentley zu VW und Aston Martin sowie Jaguar zu FORD . Außer Lotus, soweit mir bekannt, es mag noch einige Seifenkistenhersteller geben, gibt es keine eigenständigen britischen Autoproduzenten mehr. Schlimm, Herr Keynes? Sie waren doch nur zu dumm zu sehen, daß das Commonwealth eine weit wirksamere Bedrohung für die englische Lebensart enthielt, und nicht nur für die Lebensart, sondern auch für die Lebenssicherheit der Engländer mitten in London, die jeden Tag von möglichen furchtbaren islamistischen Attentaten bedroht sind.

- Gut unterwegs: Dr.-Wolff-Gruppe, Intershop (erster Gewinn überhaupt!), Soc. Generale, Lego .

- Totalitarismus : "Der böse Stasi-Hirte
Onkel war ein Verräter: Susanne Schädlich, die Tochter des vom eigenen Bruder, einem Historiker, bespitzelten Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, hat ein unversöhnliches Erinnerungsbuch geschrieben. Im Gedenkjahr 2009 sollte man es lesen. ..." FAZ 25.2.
- Totalitarismus: Noch einmal LUXEMBURG, ROSA : PARLAMENTARISMUS : 'Ein überlebtes Erbstück bürgerlicher Revolutionen
Unter der Überschrift "Fassungslos im Foyer" berichtet die F.A.Z. am 7. Februar über drei Veranstaltungen in Weimar anlässlich des Jubiläums der Deutschen Nationalversammlung, die dort vor neunzig Jahren zusammengetreten war.
Dass sich außer der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Thüringer Landtag und der Stadt Weimar ausgerechnet die Rosa-Luxemburg-Stiftung berufen fühlte, einen "Festakt zur Geburtsstunde unserer Demokratie" zu veranstalten, ist an Dreistigkeit wirklich nicht zu überbieten, hatte sich doch die als fanatische Feindin der parlamentarischen Demokratie ausgewiesene Namensgeberin dieser Stiftung am 20. November 1918 in einem Artikel in der Zeitung "Die Rote Fahne" über die Nationalversammlung wie folgt ausgelassen: "Die Nationalversammlung ist ein überlebtes Erbstückbürgerlicher Revolutionen, eine Hülse ohne Inhalt, ein Requisit aus den Zeiten kleinbürgerlicher Illusionen vom ,einigen Volk'. Wer heute zur Nationalversammlung greift, . . . ist ein verkappter Agent der Bourgeoisie oder ein unbewusster Ideologe des Kleinbürgertums . . . Keine Ausflüchte, keine Zweideutigkeiten - die Würfel müssen fallen. Der parlamentarische Kretinismus war gestern eine Schwäche, ist heute eine Zweideutigkeit, wird morgen ein Verrat am Sozialismus sein."
HEINZ SCHOLZ, LICH, LB FAZ 23.2.09

- Sammlung Albert Kahn: Foto eines vietnamesischen Schriftgelehrten mit bis 5 cm langen Fingernägeln; das muß wohl eine Tradition sein?

- "Evtl. ist hier eine Beschäftigung mit dem biologischen Immunsystem
hilfreich. Varela gibt dazu eine instruktive Erklärung in seinem Aufsatz
"Das zweite Gehirn unseres Körpers" (in: Das Ende der großen Entwürfe,
stw. 1032) ab.
Das Wesentliche am Immunsystem ist, dass es in sich heterogen vernetzt
ist. Die Partikel des Immunsystem reagieren untereinander und zwar nicht
in der landläufig typischen Vorstellung einer Immunreaktion, sondern
durch "Markierungen" und "Markierungen von Markierungen". Varela kommt
zu der so weitreichenden Behauptung, dass das Immunsystem zuallererst
identitätsschaffend und identitätserhaltend sei, in diesem Fall die
Körperidentität (was man nicht mit ähnlich lautenden Bewusstseinsleistungen verwechseln darf). Die Immunreaktion selbst sei nur noch eine periphere Leistung, wenn die Körperidentität bedroht sei. Abstrahierend einige Kennzeichen des Immunsystems: heterogene Elemente;
Markierungen von Identitätspartikel und Markierungen dieser Markierungen;
Konstruktion und Erhalt einer "Identität";
Abwehrreaktionen als periphere Leistung. " Luhmann-Liste

Dienstag, 24. Februar 2009

KAMBODSCHA, Geld regiert die Welt, das WZB singt



Lichtenberg

Protest: Pakistanische Muslime protestieren in Karachi gegen den Valentinstag

- Lichtenberg : 24. Februar 1799 Todestag (geb. 1742) : Er war nicht nur ein gescheiter Physiker, sondern auch, was noch seltener ist, ein gescheiter Philosoph. Ein Doppelkopf. "Allzeit: wie kann dieses besser gemacht werden. "

- " Integration in Berlin: Im Schatten der Al-Nur-Moschee
Schwiegertöchter und Schwiegersöhne holt man immer noch aus der Türkei. Wer ausschert, wird schikaniert. Nur die Islamisten feiern immer größere Erfolge: Integration in Berlin-Neukölln. ... " Güner Y. Balci, FAZ 24.2.

- KAMBODSCHA hat es nicht eilig: "Sie töteten Menschen wie die Hühner. (Um Munition zu sparen, WD)
Dem grausamen Regime der Roten Khmer wird endlich der Prozess gemacht. In Kambodscha aber bezweifeln viele, ob das Land das Tribunal braucht. Von Jochen Buchsteiner.
Phnom Penh. Zwei Bäume überragen die ausgehobenen Massengräber im "Genozid-Zentrum Choeung Ek". Der wuchtigere diente den Roten Khmer als Mordstätte für Kinder; sie wurden am Stamm zerschmettert. Der ausladendere heißt heute "Musikbaum"; Lautsprecher hingen im Geäst und sollten die Angst- und Schmerzensschreie der Opfer übertönen. Im Schatten der beiden Bäume ist eine Vitrine aufgebaut, in der Gebeine ausgestellt sind. Auch auf der Vitrine liegen Knochen; sie wurden erst vor kurzem geborgen.
Dreißig Jahre sind keine lange Zeit, und doch scheint die Anziehungskraft des Gedenkortes schon zu verblassen. Nur einige wenige Besucher schleichen durch das bekannteste "Killing Field" Kambodschas, eine halbe Autostunde südlich von Phnom Penh. Sie bestaunen die fast 9000 Schädel, die in einem Glasturm gestapelt sind. Auf Tafeln lesen sie, dass in den Jahren 1975 bis 1979 vermutlich zwei Millionen Menschen dem kommunistischen Regime Pol Pots zum Opfer fielen - allein 17 000 auf dem kleinen Feld von Choeung Ek. Die Informationen sind zweisprachig, Englisch und Khmer. Aber die Sprache Kambodschas versteht hier keiner, denn die Besucher sind Ausländer. ...
Die meisten Lastwagen, die Delinquenten vor dem Todesfeld von Choeung Ek abgeladen haben, wurden im Süden Phnom Penhs losgeschickt - aus dem berüchtigten Foltergefängnis "S-21", das Duch als Direktor leitete. Gleich nach ihrer Machtübernahme hatten die Roten Khmer das ehemalige Schulgebäude von Tuol Sleng zum Verhörzentrum umfunktioniert und dem gelernten Mathematiklehrer die Verantwortung übertragen. "Wer verhaftet wurde, musste sterben - das war die Linie der Partei", sagte Duch einmal in einem Interview.
Die Staatsanwalt sieht ihn aber nicht nur in der Rolle des Befehlsempfängers. "Duch entschied, wie lange ein Häftling lebte, er ordnete die Hinrichtung an", heißt es in der Klageschrift. Mindestens 12 380 Menschen seien von ihm in den Tod geschickt worden. Vorher wurden die Insassen unter seiner Regie gefoltert, sofern sie nicht vorher bei medizinischen Versuchen ums Leben kamen. Die grausamen Werkzeuge der oft minderjährigen Folterknechte sind heute Teil des "Tuol Sleng Museums", das im ehemaligen "S-21-Gefängnis" untergebracht ist.
Duchs Verbrechen sind für kambodschanische Verhältnisse gut dokumentiert und werden von ihm nicht bestritten. Seit mehr als neun Jahren sitzt er in Haft und findet angeblich seit seinem Übertritt zu einer evangelischen Sekte Trost in der Bibel. Duch werde bei den Kambodschanern um Vergebung bitten, kündigte sein französischer Anwalt am Rande des Tribunals an. An einer Verurteilung seines Mandanten zweifelt auch er nicht. ..." FAZ 22.2.2009   // Vgl. Pin Yathay, 'Du mußt überleben, mein Sohn!' Piper 1987

- "Geld regiert die Welt?" fragt die Th.-Morus-Ak. rethorisch und will die rethorischen Antworten von Theologen geben lassen. Das sind Leute, die dem Mammon nicht nachjagen müssen, sie leben von der (Kirchen-) Steuer. Natürlich müßte es heißen: Güter regieren den Stoffwechsel, denn selbst Theologen kaufen mit dem Generalgut Geld ihre Brötchen. Wenn sie nicht gerade zwischen 1975 und 1979 in Kambodscha leben mußten, wo Pol Pot das Geld abschaffte und nicht nur den Theologen der Kopf mit der Machete gespalten wurde.

- Der STAAT : Wie stark die Zeiten sich geändert haben, zeigt der Vergleich mit der Antrittsrede Ronald Reagans, der 1981 erklärte: «Der Staat ist nicht die Lösung für unser Problem; der Staat ist das Problem.» Noch 1996 verkündete Bill Clinton, Obamas Parteifreund: «Die Ära von Big Government ist vorbei.» Doch spätestens mit der Quasi-Verstaatlichung ganzer Wirtschaftsbereiche seit dem Herbst ist Big Government mit aller Macht zurück. Die Schläfrigkeit der Aufsichtsbehörden, von denen es ja bereits nicht zu wenige gibt, die staatlich verordnete Niedrigzinspolitik und der Leichtsinn einer neuen, formelgläubigen Generation von Bankkaufleuten, die im Prinzip nur gute Zeiten kennengelernt hat - all das läßt jetzt die staatlichen Mitverursacher als große Retter erscheinen.

- " Vierzig Jahre WZB . Die Sozialforschung feiert sich.
Wissenschaftliche Feierstunden fallen irrtümlicherweise in die Berichtspflicht von Wissenschaftsredakteuren. Der Sache nach wäre die Opern-, genauer: die Operettenkritik zuständig. Denn bei Feiern wie der gerade abgefeierten zum vierzigjährigen Bestehen des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) werden keine Argumente vorgetragen, sondern Arien gesungen. Zum Beispiel gleich mehrfach nach stürmisch nicht gefordertem Dacapo von WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger die Arie "Oselbstlobomio" der Soziologiediseuse aus Verdis "La Triviala". So vollständig dürften die Register höherer Angeberei (siehe F.A.Z. Geisteswissenschaften von heute) selten gezogen worden sein. Die Sozialwissenschaft wird ständig besser, internationaler, vernetzter, einflußreicher. Ein dazu passendes Medley aus Walter Brommes "Donnerwetter, ganz famos" trugen ausgewählte Jungforscher vor, bei denen Forschung von forsch kam, Hauptbegleitinstrument: der Sprücheklopfer. Man stellte sie und sie sich selber auch in einem neckischen Rollenspiel als künftige Staatselite vor, die Bescheid weiß, über die richtigen Steuersätze, die angemessene Zahl an Bundesländern, die optimale Schulform und so weiter. Eindrucksvoll dabei der Basso continuo des Chors der abhängigen Bildungsstatistiker "Wen woll'n wir beraten? Sozialdemokraten!" Dazwischen gab es humoristische Einlagen wie die einer Nachwuchsgruppeninsassin, die sich vorstellen konnte, in zwanzig Jahren seien die neuronalen Grundlagen der Arbeitsmotivation geklärt, wonach gezielte Stimuli für Schulversager beim Übergang zum Arbeitsmarkt in Reichweite rücken. Das WZB sollte dieses Projekt unbedingt in seinem "Brave New World"-Fellowship verankern. Zuguterletzt forderte Ralf Lord Dahrendorf dann noch einen "Kapitalismus der Verantwortung", und dass die Sozialforscher öffentliche Intellektuelle werden müßten. Singe, wem Gesang gegeben. " 18.2. FAZ