Freitag, 8. Februar 2013

Erstens kommt es anders, zweitens ...





Sarrazin äußerte sich gestern in einem FAZ-Leserbrief ablehnend zum Interventionismus. Der sei "leider nur selten eine Lösung". Namentlich erwähnt er Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien. Man ist geneigt, dem pauschal zuzustimmen, doch ist eine "Lösung" für menschliche Verhältnisse ohnehin ein bißchen viel verlangt. Die Geschichte bewegt sich fort, mit längeren und kürzeren Friedenszeiten. Längerer Frieden stellt sich ein, wenn ein brutaler Augustus seine Konkurrenten umgebracht hat samt ihren Unterstützern. Wenn die Städte verbrannt sind und die Atombomben fielen. Nachdem das massenweise Verbrennen von Zivilisten im letzten Weltkrieg als normal galt, ist inzwischen ein völliger Paradigmenwechsel eingetreten. Militärisches Eingreifen wird dadurch langwierig, die Kriege werden nicht mehr ausgekämpft, sie dauern viele Jahre. Darauf müssen sich Interventen einstellen, sonst droht, was in Afghanistan nach 1988 passierte, als sich Rußland aus Afghanistan zurückzog. Die islamistischen Guerillagruppen fielen übereinander her und überzogen das Land mit Mord, Totschlag und Zerstörung. Das ist auch das, was Syrien droht. Daher ist es sinnvoller, nicht zu intervenieren, noch sinnvoller, Assad zu stützen. Nur Diktatoren können halbwegs friedliche Verhältnisse garantieren, besonders in Ländern, in denen das einzelne Menschenleben traditionell nichts gilt. Das ist überall außerhalb des Westens so. Selbst auf dem ehemals türkisch besetzten Balkan wird es noch lange Zeit dauern, bis eine eigenständige, friedliche Zivilgesellschaft in allen Landesteilen des ehemaligen Jugoslawiens errichtet und gesichert ist. Die Nato-Intervention liegt immerhin schon fast zwanzig Jahre zurück, 1995 endete der Bosnienkrieg. Hätte man auf dieses Eingreifen verzichten sollen? Handke vertritt diesen Standpunkt. Milosewic hätte wiederholt, was Tito vor ihm praktiziert hatte, die brutale Einigung unter serbischer Diktatur. Und was die Kosovo-Albaner für im Amselfeld täten, stünden da nicht Nato-Soldaten. Ohnehin zünden sie zwischendurch ein serbisches Kloster an. 
Wenn man also heute interveniert, dann muß man eher in Jahrzehnten denken, als in Jahren. Entsprechend schwer fällt die Abwägung. Nach der Machtübernahme der Islamisten in Ägypten, Tunesien und Libyen fällt sie noch schwerer. Immerhin kann sie bei Gefahr im Verzug nötig sein, wie das Geschehen im Norden Malis zeigt. Allerdings erfolgte die Eroberung des malischen Nordens durch Islamisten erst nach dem Sturz Gaddafis, der durch westliche Intervention möglich wurde. Die jetzige islamistische Herrschft ist zudem noch schlimmer als die widerliche Gaddafi-Diktatur; wer weiß, ob der Gaddafi-Sohn Saif al-Islam für die individuellen Freiheitrechte nicht die vielversprechendere Option gewesen wäre. Die Frauenrechte jedenfalls waren schon bei Gaddafi viel besser aufgehoben, während sie jetzt praktisch aufgehoben sind. Interventionen sollten nicht erfolgen unter der Leitvorstellung, daß die Einführung demokratischer Verfahren wie Wahlen automatisch auch zur Einführung und Sicherung freiheitlicher Individualrechte führen würde. Die sind aber die Hauptsache. Sie lassen sich nicht einfach durch Intervention einpflanzen.  

Donnerstag, 7. Februar 2013

Erfreulich







FAZ 27.1.13






Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden. Im besten Fall. Bei beiden Dimensionen hilft der Campus-Ratgeber (unter Beruf&Chance) der FAZ, er kann auf faz.net nachgelesen werden. Eine großartige Sache. Dort kommentieren Leser ihre Studienwahl im Rückblick unter dem Stichwort "Was ich nie wieder studieren würde". Daraus läßt sich viel Gewinn ziehen, wenn man ab so ab 15 fundiert überlegen muß, welche Berufswahl wohl die passende ist. Viele Abiturienten wissen mit 18 immer noch nicht, was sie werden wollen. Lehrer sollten mit diesem Material viele Oberstufen-Stunden füllen, zumal im Netz manch goldener Kommentar hinzukommt. Eine großartige Sache.

Schwierig bleibt die Lebensplanung allemal, gilt es doch, drei sehr unterschiedliche Bereiche zu bedenken, über die nur wenige Kenntnisse und Erfahrungen im jungen Leben vorliegen. Da ist zunächst die Selbsterkundung als Fundament aller weiteren Entscheidungen. Die Schule spielt hier oft eine destruktive Rolle, indem sie idealistische, neomarxistische und grünreaktionäre Stoffe vermittelt, die sämtlich und jahrelang die Selbsterkundung der Schüler behindern und ein doktrinäres Menschenbild einflüstern. 
Die Studienfächer lassen sich meist auch erst richtig einschätzen, nachdem man sie studiert hat. 
Was sich mit dem erworbenen Studienwissen im Berufsleben anfangen läßt, ob es zu einem befriedigenden Arbeitsleben verhilft, bleibt ebenfalls ungewiß. Der Mathematiker, der in der Bank mathematischer Hilfsarbeiter wird, fühlt sich nicht besonders wohl, der Germanist, der irgendwo in der Öffentlichkeitsarbeit landet, vielleicht auch nicht. Allerdings ist die menschliche Flexibilität groß genug, um mit unvermeidlichen Überraschungen fertigzuwerden. Wer jedoch bereits gemachte Erfahrungen durchmustert, trifft wahrscheinlich bessere Entscheidungen. 
Was in der FAZ-Reihe bisher, soweit ich sehe, nicht thematisiert wurde, sind die Unterschiede im gleichen Fach zwischen den Lehrstühlen und Hochschullehrern selbst. Die sind beträchtlich, so daß es sich lohnt, Probevorlesungen zu hören. Bei allem Aufwand der Selbsterkundung und Wissensbeschaffung bleibt aber das Entscheidungswissen bruchstückhaft, hinzu kommen Fehleinschätzungen und  Irrtümer. Ohne viel Glück geht es also auch nicht. 
Ein gutes Unterpfand des Glücks stellt die Kohortengröße dar. Wenn der Jahrgang nämlich klein ist, sind die Arbeitsmarktchancen umso größer. Da kann man den jetzigen Schülern nur gratulieren, sie sind weniger, sie haben sehr gute Chancen. Die Campus-Reihe zu lesen, verbessert sie noch einmal. Leider sind viele Abiturienten durch die Schule so verdummt, daß sie es nicht bis zur FAZ schaffen werden.   

Mittwoch, 6. Februar 2013

Neue Fatwa in Indien





Band 10 erscheint im Frühjahr - mir ist der Deschner etwas zu
eifrig, aber was er zusammengetragen hat, ist beachtlich






Nach dem Todesurteil gegen Salman Rushdie hat man in dieser Hinsicht länger nichts gehört aus Kaschmir. Jetzt hat der oberste Großmufti die einzige indische Mädchen-Rockgruppe verboten. 
Indien bleibt also befangen in kultureller Steinzeit, ob mit hinduistischem, buddhistischem oder islamistischem Vorzeichen. In Europa kann man sich freuen, daß die Kirchenkiller durch die Aufklärung gezähmt wurden. 
Großmufti Ahmad bezeichnete das Auftreten der Frauen in der Öffentlichkeit als "unislamisch", man könne keine Gesellschaft aufbauen, so lange "unislamische" Dinge getan würden. So haben zu aller Zeit und überall religiöse Dunkelmänner argumentiert, und sie haben ihre Ideologie mit Mord und Totschlag durchgesetzt. Karl Heinz Deschner hat zur "Kriminalgeschichte des Christentums" zehn Bände vorgelegt. Für die Sozialutopiegläubigen liegt u.a. das SCHWARZBUCH DES KOMMUNISMUS vor. Der Kern aller Gläubigkeit, ob sie nun an einen Erlöser im Himmel, den Sozialismus oder den Nationalismus glauben, ist die Überzeugung einer "Wahrheit", wo es sich nur um Vermutungswissen, relatives Wissen und vorläufiges Wissen handelt. Es hat sich eingebürgert, von der Theologie herkommend, von "wahr" und "falsch" zu sprechen. Bei einfachen Sachverhalten stellt das auch kein Problem dar. Jeder kann eine Tür als "offen" oder "geschlossen" erkennen. Aber stets geht damit die Gefahr der Übertragung auf komplexe oder gar kulturelle Sachverhalte einher. Und es sei nur an den Streit über den Welle-Teilchen-Charakter des Lichts erinnert. Es hat sich herausgestellt, daß beides richtig ist, je nach Beobachtungsperspektive.
Sinnvoll ist es daher, im Bereich der Natur und der Naturwissenschaften von hypothetisch, "vorläufig richtig" und von "falsch" zu sprechen, in der kulturellen Sphäre aber von "sinnvoll" oder "sinnlos" und im Feld der hochabstrakten Vermutungen und irrealen Annahmen von "gläubig" und "abergläubisch". Der theologische Trick der "Offenbarung" muß jedoch immer als abzuweisender Machtanspruch gelten.  Der menschenfreundliche Gläubige kann natürlich seinem Glauben anhängen, so lange er das anderen Gläubigen ebenfalls zugesteht. Das kann durchaus fruchtbar sein, wie Entwicklung des Christentums auch zeigt. Dazu gehört dann aber der Verzicht auf Gebote und Verbote für andere, Nichtgläubige. Eine Gesellschaft wird nicht aufgebaut von Einzelnen, auch nicht von Diktatoren. Gesellschaften entwickeln sich in der Zeit und wandeln sich durch Aktionen und Kommunikationen. Diktatoren können dabei einen großen Einfluß ausüben, indem sie Aktionen und Kommunikationen behindern oder sogar zeitweilig blockieren. Dies können besonders wirksam religiöse Diktatoren mit einschneidenden, religiös motivierten Alltagsregeln, etwa die Einsperrung der Frauen, und durch soziale Kontrolle in allen Bereichen im Rahmen einer "Rechtsreligion". Die sog. "Fatwa" ist nichts anderes als das "Rechtsgutachten" eines Klerikers. Damit können Priester das geistige Leben von Gesellschaften jahrhundertelang blockieren. Daher die erbärmliche Unterentwicklung nicht nur in Kaschmir.

Dienstag, 5. Februar 2013

Prima






Es ist noch Suppe da. Öl. In Amerika. Der West-Texas-Intermediate-Preis (WTI) liegt schon seit längerem erstaunlich unter dem europäischen Brent-Preis, der heute bei 116 USD lag, WTI bei 97 USD. 
Das war immer umgekehrt. Wie kommt’s?

Die Fracking-Technik macht’s. In Amerika wird immer mehr Öl gefördert. Ohne Rücksicht auf die Bakterien im Erdboden. Diese süßen Kleinen werden brutal weggeschwemmt. Aber die USA fördern jetzt etwa soviel wie Rußland und Saudi-Arabien, nämlich 10,1 Mio. Barrel täglich. Man nimmt an, daß Amerika die Spitze übernimmt. Das sieht den Amis ähnlich.
Die gefallenen Energiekosten verbessern natürlich die Produktionsbedingungen, so daß einige Unternehmen bereits zu ihren amerikanischen Produktionsstandorten zurückkehren wollen.  
In Europa sind leider die Öl- und Gaskosten deutlich teurer.  

Montag, 4. Februar 2013

Wohlstand macht unglücklich









Denkschrift "Energieversorgung sichern" der Nordrhein-Westfäl. Akademie der Wissenschaften, S. 28; D'dorf 06




" Jedoch wie soll es weitergehen, wenn Kohle, Öl, Gas usw. aufgebraucht sind? Unsere
Nachkommen werden Disteln und Brennnesseln anstatt Blumen auf unseren Gräbern pflanzen und
anstatt für uns zu beten uns verfluchen, weil wir mit den Energiequellen, die die Erde in
Jahrtausenden gebildet hat umgehen, als wären wir die letzte Generation auf diesem Planeten; und
dann auch noch der Schuldenberg! ", schrieb mir in Kandidatenantwort ein Kommunalpolitiker der FDP 2009 unweit des rheinischen Braunkohleabbaugebietes. Dessen Vorräte reichen noch mehrere hundert Jahre, so die Denkschrift "Energieversorgung sichern" der Nordrhein-Westfäl. Akademie der Wissenschaften. Ohne jede Importabhängigkeit. 

Der Mann wohnt schuldenfrei im eigenen Haus, er ist etwa siebzig, er hat mit seiner Familie ausgesorgt. Aber er macht sich Sorgen. Nicht um Naheliegendes, das er beurteilen kann. Er macht sich Sorgen um die Zukunft, von der er nichts weiß. 

Wie anders war das in der Zeit, der er seinen Wohlstand verdankt. Den Bürgern der Adenauer-Erhard-Ära ging es unvergleichlich viel schlechter, aber sie machten sich keine Sorgen um ungelegte Eier. Sie bekamen, obwohl sie auf zwei Zimmern wohnten mit der Toilette im Treppenhaus, sogar Kinder. Heute sind bei explodiertem Wohlstand die Klagen zahlreich und die Kinder rar. 
Könnte das am Geisteszustand der Deutschen liegen? Wer bläst dem wohlhabenden Ingenieur und Kommunalpolitiker seinen Blues ein?