Freitag, 24. April 2015

Spartiaten in Athen integrieren?


“Der Bürger hat diesen Status nicht, weil er irgendwo ansässig ist - denn auch Metöken und Sklaven teilen (mit den Bürgern) den Wohnsitz … Für die Praxis bestimmt man dagegen als Bürger denjenigen, dessen beide Elternteile - und nicht nur der eine, also Vater oder Mutter - Bürger waren; andere gehen in diesem Prinzip noch weiter und verlangen zwei, drei oder noch mehr (Generationen von) Großvätern (bürgerlichen Standes).” (Aristoteles, Politik, wbg 1990/Schütrumpf 9/II, Buch III, S. 49ff.)  

Der Bürger ist bei Aristoteles der Polis-Bürger einer Gemeinde von nur 1000-5000 Bürgern; dazu kommen Fremde und Sklaven, beide ohne Bürgerrechte. Die Poleis ähnelten einander, wiesen aber doch nennenswerte Unterschiede auf. Der Militär-Kommunismus Spartas war eine andere Lebensform als die attische Demokratie, die von Sparta besiegt wurde. Daran denkt Putin wahrscheinlich morgens und abends. Aber das Einheitlichkeitsargument des Aristoteles, das weltweit gültig ist, wird ihm Kopfzerbrechen bereiten. Amerika war erfolgreich durch strikte Durchsetzung der angelsächsischen Sprache und Kultur. Mit dem Rückgang dieser Dominanz gibt es mehr Probleme zwischen den Einwanderergruppen, die jedoch nie verschwunden waren. Putin versucht mit einem neuen russischen Nationalismus die ethnischen Differenzen des Kreml-Imperiums auszusteuern. Die kaukasischen Geburtenraten und die schwache Fertilität der Russen konterkarieren diese Absicht. Man wird sehen. Einstweilen behält der Staat mit einer eingesessenen Bevölkerung - wie bei Aristoteles - seine Berechtigung, weil er Stabilität, das hohe - höchste? Gut - einigermaßen gewähren kann.













Donnerstag, 23. April 2015

Die "Prinzenerziehung" hat er auch nicht angesprochen - mal Lehrerinnen in Berlin fragen, wie sich die in der Schule auswirkt







Prediger Joachim Gauck redet über alles. Gerade beklagte er, daß in Deutschland Familienherkunft und Schulerfolg zusammenhängen.

Das ist natürlich überall so, die einzig sinnvolle Frage ist dabei, ob die Herkunft eine so große Rolle spielt wie die beiden Hauptfaktoren: Begabung (genetisch) und offenes Schulangebot an alle.  Das deutsche Schulsystem ist in hohem Maße durchlässig. Wir haben selbst vor Jahrzehnten den 2. Bildungsweg beschritten.

Welche Rolle spielt hier die Familie? Sie kann zB Nachhilfeunterricht bezahlen oder selbst erteilen. Die Auswirkung solcher Hilfestellung läßt sich in den Ergebnissen etwa der amerikanischen „Headstart“-Programme ersehen. Die positive Wirkung hält eine Zeitlang an und reduziert sich dann wieder auf den eigentlichen, individuellen Begabungswert. Dies entspricht auch der praktischen Erfahrung mit der Nachhilfe. Der Effekt hält nicht an und ist begrenzt.
Weit bedeutsamer ist die Familie jedoch in den frühen Jahren: die intelligente, zugewandte und zeitgroßzügige  Interaktion von Mutter, Vater und Kind - speziell der Mutter, die aufgrund der Schwangerschaftszeit eine besonders enge Beziehung zum Kind besitzt, wie auch umgekehrt das Kind die Stimme der Mutter schon lange vor der Geburt kennt. Ab dem 4. Schwangerschaftsmonat kann das Kind hören.
Wenn die Bindung glückt, so entsteht ein fundamentales Lebensvertrauen, das für alle Lernvorgänge förderlich ist, selbstverständlich auch für das Schullernen.
Wenn es Joachim Gauck ernst gemeint hätte mit seinen Schulanmerkungen, dann hätte er hier einen Akzent gesetzt für die Nichtberufstätigkeit der Mutter in den ersten zwei bis drei Jahren, je nach Entwicklungsgeschwindigkeit des Kindes.

Er hätte auch die „Nikotinbabys“ ansprechen können (Bubrowski, Lucia Schmidt, FAZ 22.4.15), ca. 12% der Mütter rauchen, es sind wohl die dümmsten Mütter, so daß die frühgeborenen „Nikotinbabys“ nicht nur bei der Begabungsvererbung keinen „Headstart“ erleben, sondern hinsichtlich einer ganzen Reihe von Faktoren ein besonderes Lebensrisiko besitzen.
Und noch weiteres ließe sich aufzählen - stattdessen plappert der Präsi nur die rotgrüne Leier nach. Schade eigentlich.















Mittwoch, 22. April 2015

Mehr ist mehr


Konzertierte Aktion: Gauck + FAZ-Bähr + MIT: 
„Soziale Unterschiede
Kleinhirn an Großhirn
Dass Kinder aus wohlhabenden Familien sich in der Schule leichter tun, ist hinlänglich bekannt. Aber bislang waren noch nicht alle Gründe dafür aufgedeckt. Eine neue Studie zeigt: Reiche Kinder haben größere Gehirne.
20.04.2015, von JULIA BÄHR“ 

Zum ersten April wäre der Artikel sicher ok. Aber danach? Eigentlich reicht schon diese Feststellung:

„The study included 58 students“ (MIT News) 58 Teilnehmer sind wenig hinweiskräftig. 1300 wären es. Zum anderen, und das ist weit wichtiger, zählt bei Gehirnen die Zahl der Verbindungen, der Synapsen - nicht das Gewicht. Sonst sähe es etwa für weibliche Gehirne schlechter aus, weil sie etwas kleiner sind. 

Dienstag, 21. April 2015

„ Gauck: Bildung immer noch von Herkunft abhängigBundespräsident Gauck hat kritisiert, dass die Schulbildung in Deutschland in vielen Fällen immer noch von den familiären Verhältnissen abhängig ist. Gauck sagte bei einer Veranstaltung zum Thema "Starke Schule" in Berlin, die Herkunft bestimme in der Regel, welchen Abschluss jemand schaffe und welche Talente er entfalten könne. Dies sei zutiefst ungerecht. Der Bundespräsident rief die Unternehmen auf, stärker mit den Schulen zusammenzuarbeiten, um die Schüler über berufliche Möglichkeiten zu informieren.“ DLF 21.4.15 Nachrichten Herr Gauck ist Prediger. Trotzdem könnte er sich psychologisch belesen. Zumal er in einer Diktatur aufgewachsen ist, in der es keine empirische Psychologie an den Hochschulen gab. Und er sollte einfach überlegen: Wenn der Schulerfolg von 2 Dingen abhängt, nämlich von Begabung und Unterricht, der Unterricht bereits ein Höchstmaß an Förderung miteinschließt und in der Schule kaum noch steigerbar ist - dann muß die Bedeutung der Begabungsunterschiede zwischen den Schülern stärker hervortreten. Da inzwischen die soziale Schichtung durch die riesenhafte Förderung und die große Aufstiegs-Mobilität weitgehend eine IQ-Schichtung geworden ist, ist das Begabungspotential in der sog. Unterschicht nicht sehr groß. Ein Beispiel für Aufstieg stellt VW-Chef Winterkorn dar, der aus einfachen Verhältnissen stammt. Vor hundert Jahren wäre dieser Aufstieg für Winterkorn zwar auch möglich gewesen - Alfried Krupp hatte weder Abitur noch Studium, nur Schulden des Vaters, und stieg trotzdem auf - aber der Aufstieg war doch sehr viel schwieriger, als er es heute ist. Bezogen auf Mischels klassischen Keks-Test heißt das, daß man mit diesem Test Begabungen wie Krupp und Winterkorn - und zwar unabhängig von der sozialen Lage! - früh erkennen kann, und natürlich auch die schwachen Begabungen, für die man spezielle, auf Aufmerksamkeitssteuerung abgestellte, psychologisch basierte Trainings früh anbieten sollte. Damit lassen sich zwar keine Krupps und Winterkorns herstellen, aber doch gewisse Verbesserungen erreichen. (Vgl. Kahneman, Denken, S. 65f.) Die Schule kann das nicht, dort geht es um die Vermittlung von Lehrstoff. Herr Gauck, studieren Sie doch bitte mehr, und reden Sie bitte weniger. WD /// Walter Mischel on his Marshmallow Experiment

Montag, 20. April 2015

Atul Gawande, Being mortal



„ … Mit der Veröffentlichung von Atul Gawandes Buch „Being Mortal“ (Sterblich sein) im Oktober 2014 aber rückten die Grenzen der Medizin plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit amerikanischer Leser. Gawande, Jahrgang 1965, ist praktizierender Chirurg am Brigham und Women’s Hospital und Professor für Chirurgie an der Harvard Medical School. Außerdem ist er seit 1998 Essayist für den „New Yorker“ und Autor von hervorragend geschriebenen Bestsellern über seine tägliche Arbeit und die Notwendigkeit, seine Leistung als Arzt und die medizinische Praxis insgesamt zu perfektionieren. „Better: A Surgeon’s Notes on Performance“ hieß sein Bestseller von 2007.
Und jetzt das Gegenteil: ein Plädoyer für die Anerkennung des Todes und die Integration des Todesbewusstseins in die medizinische Praxis. Denn, so Gawandes Fazit in „Being Mortal“, abringen kann man dem Tod fast nichts. Aber man kann ihm etwas von der bitteren Brutalität nehmen, die jene erfahren, die sich ihm zu lange und zu verzweifelt widersetzen. Damit kommt Gawande bei jener alten Kunst des Sterbens, der Ars Moriendi, an, die er als eine hohe Kunst der Selbstbestimmung preist und die mit dem technologischen Fortschritt seit etwa 1950 überflüssig geworden zu sein schien. …“ (FAZ 15.04.2015)

So, wie immer das Murmeltier grüßt, gibt es beim DLF montags in der Rezensionssendung ANDRUCK linke Bücher. Heute wurde das Buch eines protestantischen Funktionärs (Bedford-Strohm) zur Sterbehilfe besprochen. Diese Glaubensfuzzis wollen stets Einfluß nehmen und anderen, wie beim Religionsunterricht alter Sorte, ihre windige Meinung aufzwingen. Und bei den linken Redakteuren finden sie dann Aufmerksamkeit. Denn heutzutage hat die Linke, früher war sie antiklerikal, ein Bündnis mit den Aberglaubensfunktionären geschlossen: zusammen lassen wir den Sozialismus wiederauferstehen von den Toten. 

Die Aberglaubensbrüder waren immer gegen den Freitod - nicht gegen das Verbrennen von Dissidenten - heute auch; wenn man diesen Jungs eine Rezension widmet, sollte man auch die andere Position darstellen, zB Jean Amery, „Hand an sich legen“; oder aktuell: Atul Gawande, Being mortal.