Donnerstag, 26. Dezember 2019
Mittwoch, 25. Dezember 2019
„Darmstädter Armleuchter“?
Thomas Mann, Rabindranath Tagore, Leo Baeck, C.G. Jung, Max Scheler und Ernst Troeltsch gehörten zu den Freunden und Förderern der Keyserling’schen „Schule der Weisheit“ in Darmstadt, ernstzunehmende Persönlichkeiten also aus sehr verschiedenen Richtungen. Es fehlen Vertreter aus der katholischen Sphäre und - natürlich, möchte man sagen - Marxisten und Sozialisten. Der stets nervige und pubertäre Tucholsky tat sich besonders hervor, indem er Keyserling den „Darmstädter Armleuchter“ nannte. Immerhin wollte er ihn nicht vergasen wie die Kinder des Kirchenrats.
Keyserling ging es um verbindende praktische Philosophie, nicht um Ideologie. Diese Bemühung stand am Anfang der Philosophie, neben der Welterklärung, und ist aller Ehren wert. Die Kathederphilosophie hat sich mitunter sehr weit davon entfernt und ist auf Holzwegen gelandet. Dabei gebührt der Lebenskunst zweifellos der Vorrang, denn Welt und Umwelt sind schwer zu verstehen, doch sehr einfach mißzuverstehen. Vieles läßt sich ignorieren - Urknall und Weltentstehung kann man getrost auf sich beruhen lassen - nicht aber die eigene Lebensführung. Die verlangt Entscheidungen, die mehr als nur intelligent sein müssen. Weise und klug sollten sie sein. Das schwebte auch Keyserling vor. Das verdient Anerkennung. Intelligente Menschen wie Lenin, Stalin, Hitler, Mao, Pol Pot u.a.m. neigen zu fixen Ideen und Ideologien und verdienen Verachtung.
Und gehört nicht die Kanzlerin Merkel, wenn auch in einem anderen Format, ebenfalls zu den sehr intelligenten Menschen, denen jede Klugheit und Weisheit abgeht?
Fußnote Tucholsky:
„Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, daß sie einen bitteren, qualvollen Tod finden, alle zusammen. Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen.“
Kurt Tucholsky, Werke Bd. 5, (Dänische Felder, Weltbühne 1927)
Fußnote Keyserling: Philosophenbriefe von und an Peter Wust: C. Baeumker, H. Conrad-Martius, A ...
herausgegeben von Ekkehard Blattmann
Dienstag, 24. Dezember 2019
Die Wiederkehr
“ Als Gottes Atem leiser ging
Schuf er den Grafen Keyserling,
Den Baltensproß, mehr laut als still,
Der, was uns not tut, weiß und will,
Jedem ohne Fehl
Neu fusioniert Leib und Seel,
Und so vom Darm aus machet weis,
Mehr oder minder je nach Preis,
Das ganz verdummte Jetzt und Hie:
Baronus, Plato und Compagnie!”
So reimte Emil Preetorius auf Hermann Graf Keyserling (1880-1946).
Hatte er eine Woche in Keyserlings “Weisheitsschule” in Darmstadt verbracht? Oder hatte er ihn in Riva am Gardasee getroffen, wo Dr. Hartung seine “Gesundheitsschule” etabliert hatte, die von den Mann-Brüdern, Kafka und auch Keyserling besucht wurde. Diese „Gesundheitsschule“ war ein beliebtes Sanatorium in reizvoller Umgebung ganz im Geist der Reformbewegung, die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert florierte und nie ganz welkte. Um die Natürlichkeit und Körperlichkeit ging es, weswegen auch die Nudistenbewegung hier wurzelt. Auf dem Monte Verita über Askona tanzten und wandelten die Reformfreunde nackt. Die Jugendbewegung, die es „aus grauer Städte Mauern“ in Wald und Wiese zog, entwickelte einen Naturkult. Später kamen bei den Hippies in Laurel Canyon die Drogen dazu. Die gibt es immer noch, den Naturkult auch, und so geht das weiter und wiederholt sich endlos. Die Umstände ändern sich etwas, die Motive und Meme bleiben.
Foto: Nackt und vegetarisch, die Vegetarierkommune auf dem Monte Verita im Tessin 1901 (Wikip.)
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