Samstag, 12. Juli 2014

Es gibt sie, und es gibt sie nicht. Die europäische Identität.








Montesquieu (1689-1755)

Isoliert lebende kleine Stammesgemeinschaften besitzen kein unterscheidendes Wort für sich selbst, sie bezeichnen sich einfach als “Menschen”, im Unterschied zu den Tieren. Erst im Kontakt zu anderen Stämmen bilden sich eigene Benennungen, etwa “Cherokee” und “Sioux”, “Makkabäer” und “Kreter”. 

Trotzdem haben die Stämme vor der Begegnung mit anderen eine “Identität” in dem Sinne, daß sie eigene Sitten ausbilden und sie sich damit identifizieren. Insofern treten spätere, unterscheidende Namen in Bezug auf andere Stämme, Clans und Völker nur ergänzend und erweiternd dazu. Die Dialektik von Schließung und Öffnung stellt sich dabei sehr unterschiedlich dar. Der Jude, das gilt bei den Religionsjuden sogar bis heute, ist rassisch rein nur, wenn er von einer jüdischen Mutter stammt, da die Bestimmung des Vaters nie sicher war. Andere Rituale wie die Beschneidung dienen dem gleichen Zweck der Abschließung der Gruppe. Die antiken Juden lehnten sich gegen die Römer auf, die, je später, je mehr, recht mobil und offen waren und auch Nichtrömer, wenn das ihren Interessen diente, römisches Bürgerrecht einräumten. Dies galt auch für Juden, was jedoch die Fanatiker des Simon bar Kochba ablehnten und zum Aufstand führte. Die Folge war die jüdische Diaspora, in deren Verlauf viele Juden Europäer wurden, von denen wiederum einige, etwa Karl Marx, sich scharf gegen das Judentum wandten (s. “Zur Judenfrage”).

Die Europäer waren und sind die Erben des antiken Roms in ihrer Mobilität und Offenheit. Sie bildeten sogar Marotten und Moden aus wie die “Chinoiserie” und die Orientmode. Montesquieu nannte seine Betrachtungen der Pariser und Franzosen 1721 deshalb “Persische Briefe”. In ihnen läßt er zwei Perser über Land und Leute sprechen. Natürlich bleibt es der Blick Montesquieus auf Frankreich, aber der Versuch, die eigene Gesellschaft von außen zu beschreiben, ist bemerkenswert. Damit ist auch die Vorstellung möglich, daß Frankreichs Sitten auch andere sein könnten, politisch etwa könnte es eine Gewaltenteilung geben. In diesem Sinne sind die “Persische Briefe” eine Vorbereitung zu Montesqieus Hauptwerk, dem “Geist der Gesetze” (Genf 1748). Diese Möglichkeit der Selbstrelativierung durch Perspektivenwechsel - Lichtenberg macht den Perspektivenwechsel dann zur Hauptmethode - dürfte ein wesentlicher Punkt einer europäischen und auch neu-europäischen, amerikanischen Identität sein. Montesquieu schlug den Amerikanern nicht nur die Gewaltenteilung vor, die Amerikaner verwirklichten sie auch als Verfassungsprinzip.

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