Mittwoch, 2. September 2020

Parallelstellung von Vorstellen und Herstellen

 “Jede konstruktivistische Erkenntnistheorie mag, angefangen von der Ununterscheidbarkeit von Erkenntnis und Illusion in der aktuellen Operation bis hin zu kompliziert gebauten Reflexionstheorien, noch so viele gutgemeinte Argumente haben: sie muß mit einem gewichtigen Einwand rechnen: Wir nennen ihn den Einwand der funktionierenden Technik. 

Nach einer von Bacon über Hobbes, Locke und Vico tradierten Lehre ist diesem Einwand vorab dadurch begegnet, daß der Mensch überhaupt nur erkennen kann, was er selbst herstellen kann - und sei dies im symbolischen Bereich von Religion und Kultur.

Eine bloße Parallelstellung von Vorstellen und Herstellen läßt aber noch nicht erkennen, weshalb diese Bindung ans Herstellbare als Erkenntnisbedingung angesehen und später, wenn man so sagen darf, auf dem deutschen Sonderweg durch die Transzendentalphilosophie abgelöst wird.

Wir vermuten den Grund der Bindung an Herstellbarkeit in der Offenheit der Zukunft, denn unter der Voraussetzung, daß die Zukunft durch die Vergangenheit nicht zureichend determiniert ist, kann man sie durch Testen der Möglichkeit von Variationen benutzen. Wenn die Zukunft die Konstruktion bestätigt, wenn sie auf offene Fragen eine bestimmte Antwort gibt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß man sich nicht geirrt hat; denn es hätte anders ausgehen können.

Dem fügt sich die heute einzig nennenswerte Erkenntnistheorie ein, die des Pragmatismus. Sie löst die zirkuläre Selbstreferenz der Erkenntnis auf durch die sich bestätigende Erwartung eines Nutzens.” 

(Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 259f.)


Auch bei Goethe findet sich der Topos der Parallelstellung von Vorstellen und Herstellen: 

“Man begreift nur, was man selbst machen kann, und man faßt nur, was man selbst hervorbringen kann.” 

(Goethe, Tagebuchnotiz 13.1.1779; zit. bei Adolf Beck (Hg.), Goethe, Weisheit d. Lebens, S. 50)


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