Mittwoch, 9. Oktober 2013

Calamity Jane?




Nicht gerade ein Wohlfühlbau, dieser neoklassizistische Klotz der FED in Washington






Wirtschaft ist eine Weichwissenschaft. Etwas Genaues weiß man nicht. Da hilft auch keine Mathematik. Aber Erfahrungswerte gibt es schon. Die Entwicklung des katholischen Südamerikas und des calvinistisch-protestantischen Nordamerikas in den letzten 250 Jahren spricht Bände. Die Wirtschaftsbedingungen ändern sich immer wieder und die Rezepte von gestern können überholt sein. Aber etwas Genaues weiß man nicht. Schon gar nicht in der Gegenwart. Das Gesamtgefüge einer Wirtschaft ist nicht einfach zu erfassen. Unübersehbar viele Faktoren spielen eine Rolle. Ein Gesicht dagegen läßt sich gut erkennen. Das bricht die Komplexität herunter. Es an der Spitze der großen amerikanischen Zentralbank FED demnächst ein neues Gesicht: Janet Yellen. Allerdings kennt man sie schon als die Stellvertreterin des jetzigen Chefs, Helikopter-Ben. Den Namen verdankt er seiner Ankündigung bei Amtsantritt, er werde notfalls Dollarscheine mit dem Hubschrauber abwerfen, um die Liquidität zu sichern. Yellen soll die engste Mitarbeiterin Bernankes sein, man muß dann wohl mit einer Geldbomber-Janet rechnen, die Geldkisten abwerfen will, wenn sie große Probleme sähe. Das letzte große Problem hat sie allerdings nicht gesehen, als ein Kongreß-Ausschuß sie befragte, ob sie im Zusammenhang mit der Immobilienkrise in Kalifornien und anderen Staaten bei den Kreditverbriefungspaketen größere Schwierigkeiten erwarte – sie verneinte das. Und irrte sich damit sehr schlimm. Empfiehlt sie dieser gigantische Irrtum für den Chefposten? Wohl nicht.

Die Kreditverbriefungspakete waren alle sauber gerechnet, jeder konnte das auf 500 Seiten in Ruhe überprüfen. Besonders ja Beamte der FED, die für solche Arbeiten gut bezahlt werden und nicht unter Zeitdruck stehen. Auf ihre Befragung wird sich die gescheite Yellen bestimmt auch gut vorbereitet haben. Woher dann der Irrtum? Man darf vermuten, daß ihr geschultes Gehirn die Komplexität der Kreditverbriefungspakete und ihr Weg in die Banken weltweit nicht begriffen hat.


Nehmen wir dagegen Dolly Doleys aus Ohio hinter dem Wald. Drei Kinder, Ehemann Fernfahrer, mennonitische Wurzeln im niederrheinischen Krefeld, nach der Highschool Hausfrau und Mutter. Was hätte sie dem Ausschuß gesagt? Vermutlich, daß sie die Kreditverbriefungspakete nicht verstünde und für Teufelswerk hielte. Eine sehr schlichte Beurteilung, zweifellos. Im Ergebnis aber wesentlich zutreffender als das Urteil der Expertin Yellen mit ihrer großen akademischen und politökonomischen Karriere. Dabei hatte Yellen auch noch den Rat ihres berühmten Ökonomienobelpreisträger-Ehemannes Akerlof zur Verfügung und den ihres Sohnes, der ebenfalls Volkswirt ist. Die ganze Ökonomenfamilie hat sie nicht begriffen, die Kreditverbriefungspakete und ihre globalen Folgen. Nicht schlimm. Auch der Bonner Ökonom und Akademiemitglied Urs Schweizer hat nach eigenem Bekunden die Kreditverbriefungspakete nicht verstanden. Aber er hätte das dem Ausschuß gesagt. Deutlich. Vielleicht hätte das etwas geändert. 
Ich würde daher für die FED-Spitze nicht Yellen empfehlen, sondern Dolly Doleys aus Ohio und Urs Schweizer aus Bonn. Hello, Dolly!

Dienstag, 8. Oktober 2013

Ach, hätten wir 2%







Axel Weber unscharf - wenig später tritt er als Bundesbankpräsident zurück



EZB: EIN STÄRKERER EURO IST NICHT WILLKOMMEN Weber: Erst stärkeres Wachstum führt zu höheren Zinsen

14.01.2005 Handelsblatt  
Bundesbankpräsident Axel Weber zufolge müsste die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erst bei einem stärkeren Anziehen der Konjunktur erhöhen.
Die EZB hatte am Donnerstag wie erwartet den seit Juni 2003 geltenden Leitzins von 2,00 % bestätigt. EZB-Chef Trichet hatte die Aussichten für die Preisstabilität als weitgehend günstig bezeichnet, aber weiter vor Inflationsgefahren in der Zukunft gewarnt. Volkswirte sahen sich in der Einschätzung bestätigt, dass die EZB frühestens im zweiten Halbjahr die Zinsen erhöhen wird, falls die Konjunkturerholung anhalten sollte. „Aktuell sehen wir keinen Handlungsbedarf, das war die wichtige Nachricht“, sagte Weber mit Blick auf die Ratssitzung.”

2,00 % Leitzins? Das wäre für Deutschland heute eher zu wenig. Für Italien zu viel. Bei 2,00 % stand der EZB-Zins Anfang 2005. Im Oktober 2006 war er auf 3,25% gestiegen und erreichte in der Spitze noch 4,25% Anfang 2008. Danach ging’s bergab durch die US-Häusermarkt- und die folgende Euroländerstaatsverschuldungskrise auf heute 0,25%, also unter der Inflationsmarke. Dadurch werden die Sparguthaben der Renter seit zwei Jahren ständig reduziert und die Versicherer etc. haben Anlageprobleme für die Kundengelder. Eine ungute Politik, vor der der Noch-Bundesbank-Präsident Axel Weber am 21.2.11 in Düsseldorf vor der Akademie der Wissenschaften in einem Vortrag zur "Schuldenkrise im €-Raum: Erkenntnisse und Schlußfolgerungen" warnte.  Um den Weg zu einer Transferunion zu verhindern, zu der es nicht kommen dürfe, sagte Weber, müsse die Krisenprävention verbessert und der Stabilitäts- und Wachstumspakt gestärkt werden. Die von Weber genannten Maßnahmen waren alle sehr einleuchtend, Eigenkapitalstärkung, Wettbewerbsverbesserung, Beteiligung der privaten Gläubiger, Subsidiaritätsprinzip - sein kurz darauf erfolgter Rücktritt machte aber deutlich, daß die Mehrheit im EZB-Rat genau diesen Weg der Transfer-Union eingeschlagen hat und seitdem, auch mit den Fast-Null-Zinsen zur Staatsfinanzierung der Südländer, weiterhin verfolgt.

Anhang:
Die Zinsschritte
2006:  “Die Leitzinsen in der Eurozone steigen weiter. Nach Einschätzung der meisten Ökonomen wird die Europäische Zentralbank nach der Zinserhöhung auf 3,25% am 5.10.2006 erneut Anfang Dezember den wichtigstens Zins auf dann 3,5 Prozent steigern.”

www.handelsblatt.com › PolitikKonjunkturNachrichten
14.03.2007 - Weitere Zinserhöhungen sind derzeit wenig wahrscheinlich. Axel Weber, Präsident der Deutschen Bundesbank, sieht die Geldpolitik aber noch  … Die EZB hatte am 8. März 07 ihren Leitzins auf 3,75 Prozent erhöht. Durch eine veränderte Wortwahl machte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Anschluss deutlich, dass die Neigung der Notenbank zu weiteren Zinserhöhungen nicht mehr so groß ist wie früher. Diesen Formulierungswechsel vollzog Weber nicht nach. Er bezeichnete die europäische Geldpolitik als „weiterhin konjunkturstützend“. Dagegen hatte Trichet von „eher akkomodierend“ gesprochen.
„Die Geldpolitik ist noch nicht da angekommen, wo sie sein müsste, um nicht zusätzliche inflationäre Impulse zu setzen“, sagte der Bundesbankchef. „Ich halte es für zu früh, geldpolitisch Entwarnung zu geben.“

2008:
Spielraum für weitere Zinssenkungen seitens der EZB gibt es nach Einschätzung Webers unter anderem deshalb, weil die Preise für Energie und Nahrungsmittel fielen und auch die Kapazitätsauslastung der Industrie zurückgehe. „Das alles wird die Inflation drücken“, sagte Weber, der Mitglied im Entscheidungsgremium der EZB ist. Die Währungshüter haben den Leitzins bereits in zwei Schritten von 4,25 auf 3,25 Prozent gesenkt und eine weitere Lockerung der Geldpolitik für Dezember signalisiert, um die Rezession und die Folgen der Finanzkrise abzufedern. Die nächste Zinsentscheidung der EZB ist am 4. Dezember 08.” 26.11.08 faz.net  ---

Montag, 7. Oktober 2013

Was es alles gibt



Ein Millionenobjekt - jedenfalls wurde er so oft gebaut, die Blechkiste mit den Campingsitzen und der Schiebestockschaltung, an der man die Handtasche aufhängen konnte.
Hauchdünnes Blech und einfrierende Vergaserdüse bei starkem Frost, das sei auch heute noch völlig ausreichend für die blöden Kunden, meinen Gewerkschaftsbanden wie die CGT.




Heiner Flassbeck, Gewerkschaftslobbyist und Lafontaine-Freund, sieht die deutsche Lohnpolitik als Ursache für die Schwierigkeiten der Eurozone. Die deutsche Wirtschaft exportiere deswegen zu viel, weil die deutschen Löhne so niedrig seien. Nun sind zwar die deutschen Löhne, die mit rund 32 € je geleistete Arbeitstd. in der Privatwirtschaft über dem Durchschnitt in der Eurozone liegen, keinesfalls niedrig, aber eben immer noch zu hoch für die Franzosen, die sich seit Jahrzehnten darüber beschweren. In der Folge dieser Beschwerden hat ja die DM regelmäßig aufgewertet, was die französischen und alle anderen nichtdeutschen Produkte billiger machte. Die Nebenfolge war, daß die Franzosen es sich gemütlicher machten, zum Beispiel bei Löhnen und Renteneintrittsalter, während die deutschen Betriebe sich anstrengen mußten, die höheren DM-Preise durch höhere Arbeitsproduktivität aufzufangen. Insofern haben die französischen Beschwerden der französischen Arbeitsproduktivität nicht genützt, und den Verbrauchern auch nicht.

Wer hat den R4 gefahren? Der Renault 4 als Beispiel für ein klassisches französisches Produkt, blieb zwar als Konzept ein patentes Auto, aber etwa alle 20.000-25.000 km mußten die minderwertigen Antriebswellen erneuert werden und regelmäßig mußte etwas gegen die Durchrostung an allen Ecken und Enden unternommen werden, besonders auf der Bodenplatte. Gut, wenn man schweißen konnte! Fuhr man bei Regen zum Tüv, mußte man kurz vor der Einfahrt die Bremsbeläge trockenbremsen, damit sie gleichmäßig zogen. 100.000 km waren oft schon das Ende des R4, wenn man nicht selbst billig reparierte oder ein Kollege das tat.

Heute werden in Frankreich bessere Autos produziert, weil die üblen Gewerkschaften schwächer geworden sind und die deutsche Konkurrenz dazu zwingt. Die französischen Autokäufer haben den Vorteil. Und Wirtschaft sollte in erster Linie den Verbrauchern dienen, und  erst dann den Beschäftigten der Betriebe. Sonst landet eine Wirtschaft dort, wo sie im Realen Sozialismus war: bei schlechten Produkten, für die die Konsumenten auch noch anstehen oder jahrelang warten mußten. Funktionären wie Flassbeck ist das natürlich egal. Sie finden bei der Gewerkschaft für ihre Wissenschaftsmüllproduktion immer eine hochbezahlte Stelle. Sein Kollege Harry Tisch und die anderen Ostberliner Stalinisten warteten nicht 10 Jahre auf den Plastik-Zweitakter TRABANT, sie kauften sich einen Volvo im Ausland.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Erzfeuilletonist, zoroastrisch





Wilhem Wundt Neckarau 1832-1920 Leipzig 



(Bild: Wiki.)






“Kein Hirt und Eine Herde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.
„Ehemals war alle Welt irre“ — sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiß Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald — sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
„Wir haben das Glück erfunden“ — sagen die letzten Menschen und blinzeln. —“
Nietzsche, Zarathustra, 5, Der letzte Mensch

Es könnte nach dem FAUST das geistreichste Buch sein, aber es ist so geistreich, daß ihm beide Beine fehlen, es geistert nur so herum, daß nur Fledermäuse ein reines Lesevergnügen haben dürften. Es funkelt und blitzt unaufhörlich, aber in einem Übermaß, daß man dem Fritz zurufen möchte: Jetzt aber erst einmal die Sache systematisch durchdenken und dann erst auf den Pegasus. Und schmink dir doch endlich einmal das protestantische Pfarrhaus ab! Informiere dich ein bißchen über den Menschen, bei Wilhelm Wundt zum Beispiel, auch ein Sohn aus dem protestantischen Pfarrhaus, aber er hat es geistig überwunden, hat nicht versucht, ein neues Neues Testament zu schreiben. Er hat das erste Labor zur systematischen Menschenkunde begründet, statt Über-, Unter- und Zarathustras zu phantasieren. Und in deinem nächsten Leben gehst du natürlich zu Adolf Portmann in Basel in die Vorlesung, damit du nicht wieder so einen geistreichelnden Schmarrn wie “Von den Verächtern des Leibes” schreibst. Du nimmst einfach die alten, von der Theologie übernommenen Denkfiguren, schüttelst sie ordentlich, ziehst ihnen die Ohren lang, aber es bleiben doch die naiven Figuren, die sie beim alten Zoroaster schon waren. Fritz, das reicht nicht. Mach’s noch einmal.

Samstag, 5. Oktober 2013

300 Jahre Diderot - 5.10.1713 bis 1784






Es war die Zeit der Enzyklopädie-Anfänge, allerdings nur in Europa. Das Sammeln von Wissen, des gesamten Wissens der Zeit, trieb die Aufklärer, nicht die Christen, dazu, es in kompakter Form als Lexikon massenhaft auf den gesamten europäischen Markt zu bringen. 
Diesen breiten Wissensdurst gab es nur in Europa. 1750 hatte bereits der Breslauer Schuhmachersohn Johann Heinrich Zedler sein 60bändiges (!) Universal-Lexikon herausgebracht, und ab 1751 erscheint in Paris Diderots und d’Alemberts „Encylopédie“ mit 11 Bänden, ab 1768 in London die „Encyclopedia Britannica“. 1755 schreibt Diderot zur Erläuterung des Projekts in der Encylopédie, die die katholische Kirche 1759 verbot:
„Dieses Wort bedeutet „Verknüpfung der Wissenschaften; es setzt sich zusammen aus der griechischen Präposition „in“ und den Substantiven „Kreis“ und „Lehre“, „Kunde“, „Kenntnis“. Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammen leben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.“
Na prima. Die geistreichen Sprüche der Merkel und Gabriel, der Wulff und Gauck, die gebildeten und glücklichen Fußballspieler und die Tugendhaftigkeit der Stalin, Hitler und Mao, nicht zuletzt auch der Wilhelm Reich und Cohn-Bendit wird man in direkter Weise auf die Arbeit der Enzyklopädisten zurückführen können.
Aber Scherz beiseite. Die Aufklärer besaßen naive Illusionen, die heute offen zutage liegen. Wissen und sog. „Bildung“ wirken sich nirgendwo, auf keinem Gebiet, automatisch aus und schon gar nicht gleichmäßig auf allen Feldern. An anderer Stelle hat Diderot den Rat gegeben: "Ist man mit Verrückten verrückt, hat man weniger Unannehmlichkeiten, als allein vernünftig zu sein." Und es gilt doch immer noch der Befund des Schotten Charles Mackays rund hundert Jahre später: "Men, it has been well said, think in herds;
it will be seen that they go mad in herds,
while they only recover their senses slowly,
and one by one."
Aber das Projekt Enzyklopädie lebt. Meyer, Brockhaus und neuerdings Wikipedia führten und führen die Arbeit fort. Wie alle Bücher, das hatte schon Diderots Zeitgenosse Lichtenberg notiert, macht die Enzo. die Schlauen schlauer, die Dummen dümmer und die meisten bleiben völlig unberührt.