Mittwoch, 3. Februar 2021

Reichseinheitsideologie, Imperialismus und protestantisches Arbeitsethos

Carlos V. forderte auf dem Wormser Reichstag von 1521 den Widerruf Luthers, der aber ausblieb, worauf über Luther die Reichsacht verhängt wurde. Carlos folgte dem alten Prinzip der Reichseinheitsideologie, dem schon Karl in seinen Sachsenkriegen im 8. Jahrhundert folgte. Nichts anderes beseelte auch Isabella und Ferdinand, die Reyes Católicos, bei der Requonquista und der Vertreibung der Juden bis 1492. Doch Einheitsdenken kann die wirtschaftlichen Nachteile der Vertreibung wirtschaftlich überlegener Gruppen nicht ausgleichen. Des Columbus’ Entdeckung Amerikas und die anschließende Ausplünderung der neuen Kolonien verdeckten die negative Entwicklung zunächst, jedoch nicht auf Dauer. Das protestantische Arbeitsethos in Flandern und England gewann die Zukunft, Portugal und Spanien verloren.

Dienstag, 2. Februar 2021

Der Kaiser und die Sprachen

Carlos V. wuchs in Gent in Französisch auf, der Aristokratensprache nicht nur in Flandern. Auch Mittellatein und Flämisch verstand er. In Deutsch war er sehr schwach und Spanisch lernte er erst mit 17 Jahren. 

Eine Gesellschaft besteht in den Kommunikationen, Carlos lebte also in der Hochadelsblase und kannte die jeweilige Bevölkerung in Flandern und Spanien - nicht zu reden von den deutschen Ländern - nur aus der Ferne. Die verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft lebten nebeneinander her und kümmerten sich wenig umeinander, von Frondiensten, Steuererhebungen und Unterdrückungsherrschaft einmal abgesehen. In Flandern aber bildeten sich frühbürgerliche Verhältnisse heraus, die in Richtung einer Nationsbildung und wirtschaftlicher Produktivität wirkten. Der wirtschaftsfeindliche Katholizismus und die konzeptionslose Adelsarroganz des Carlos’ und seiner Kumpanen geriet mehr und mehr unter Druck und mußte zuletzt das Feld räumen, wobei Spanien bis heute unter der verschwenderischen Karlsherrschaft und der seiner Nachfolger wirtschaftlich leidet. Ohne den ausländischen Tourismus sähe es noch schlechter aus.


Montag, 1. Februar 2021

“FEIERN”

Genießen macht gemein.”, heißt es in Faust II, Vers 10259. Mephisto will Faust zum Genußmenschen machen, das ist der Inhalt der Wette zwischen den beiden, doch Faust widerstrebt das Faulbett, weiterhin lockt ihn eine neue Aktivität:

“Mitnichten! dieser Erdenkreis gewährt noch Raum zu großen Taten.

Erstaunenswürdiges soll geraten, 

Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß.” (V. 10181ff.)


Das wird dann die Landgewinnung durch Eindeichung sein. 

Diese Aktivitätsorientierung im Faust läßt sich als als deutsche und europäische Mentalität interpretieren.


Der Kaiser in Goethes Faust II

Zwar ist im Faust kein bestimmter Kaiser gemeint, aber die Verse passen auch auf Carlos V. (V.10342ff.)

MEPHISTOPHELES.

Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen:

Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen.

Du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten,

Ihm falschen Reichtum in die Hände spielten,

Da war die ganze Welt ihm feil.

Denn jung ward ihm der Thron zuteil,

Und ihm beliebt' es, falsch zu schließen,

Es könne wohl zusammengehen

Und sei recht wünschenswert und schön:

Regieren und zugleich genießen.

FAUST.

Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll,

Muß im Befehlen Seligkeit empfinden.

Ihm ist die Brust von hohem Willen voll,

Doch was er will, es darf's kein Mensch ergründen.

Was er den Treusten in das Ohr geraunt,

Es ist getan, und alle Welt erstaunt.

So wird er stets der Allerhöchste sein,

Der Würdigste –; Genießen macht gemein.

MEPHISTOPHELES.

So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie!

Indes zerfiel das Reich in Anarchie,

Wo groß und klein sich kreuz und quer befehdeten

Und Brüder sich vertrieben, töteten,

Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,

Zunft gegen Adel Fehde hat,

Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;

Was sich nur ansah, waren Feinde.

In Kirchen Mord und Totschlag, vor den Toren

Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren.

Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering;

Denn leben hieß sich wehren. – Nun, das ging.


Carlos V. war dreimal zahlungsunfähig, und der “falsche Reichtum”, von dem hier die Rede ist, kann gleichgesetzt werden mit den spanischen Plündereien in Südamerika.


Sonntag, 31. Januar 2021

Konsumieren statt investieren verdirbt

 > Auszug aus der Abdankungserklärung Kaiser Karls V. – Brüssel, 25. Oktober 1555

„Vor vierzig Jahren, am selben Ort, am Vorabend des Dreikönigstages, hat mich der Kaiser, mein Großvater, für volljährig erklärt. Dann wurde ich König von Spanien, dann selbst Kaiser – Ich habe die Kaiserkrone gesucht, nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und der anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Ich habe darum viel beschwerliche Reisen machen, viele beschwerliche Kriege führen müssen … aber niemals mutwillig, sondern stets sehr gegen meinen Willen als Angegriffener …“ < (Wikip.)


So spricht ein Tor, der sich selbst in die Tasche lügt, der auch im Alter nichts dazugelernt hat. Das Dazulernen ist aber das, was das Alter über die Jugend erhebt. Wenn denn dazugelernt wird. 

Einsicht hätte Carlos gelehrt, daß Geld eine gefährliche Seite hat, wenn es nicht produktives Kapital wird. Geld besaß Spanien reichlich. “Wo ging das Geld hin? … Spanien lebte um so bedenkenloser auf großem Fuß, als der Reichtum dem Land unverhofft und unverdientermaßen zugefallen war. … Einen großen Teil seines Reichtums verbrauchte Spanien auf den Schlachtfeldern Italiens und Flanderns. … Spanien entschied sich fürs Ausgeben - es kaufte Luxusgüter und führte Krieg. Krieg ist die verschwenderischste aller Verwendungsformen: er zerstört, statt aufzubauen …” 

(David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, Warum die einen reich und die anderen arm sind, S. 189)

Der Niedergang Spaniens war unausweichlich. Eine Rentiergesellschaft baut keinen Kapitalismus auf.