Mittwoch, 10. Februar 2021

Freiheitsfreund Schiller

SCHILLER, DON CARLOS, Vorletzte Szene

Das Drama ist im Detail nicht historisch.

Der spanische König Philipp II., Sohn Karls V., trifft sich mit dem alten Kardinal und Großinquisitor, um dessen Propagandahilfe für den geplanten Mord an seinem Sohn, dem Thronfolger Don Carlos, zu erwirken. Der ist einverstanden, geht es doch um die Macht von Thron und Kirche, für die Karl V. in den Augen des Großinquisitors stand. Lieber Tod als Freiheit, ist sein letztes Wort; der Thronfolger will nämlich der spanischen Herrschaft in den protestantischen Niederlanden ein Ende bereiten. Das wollen beide, Philipp und Großinquisitor, verhindern.  

Großinquisitor. Wenn Philipp sich in Demuth beugt.

König (nach einer Pause).         Mein Sohn

Sinnt auf Empörung.

Großinquisitor.         Was beschließen Sie?

König. Nichts – oder Alles.

Großinquisitor.         Und was heißt hier Alles?

König. Ich lass' ihn fliehen, wenn ich ihn

Nicht sterben lassen kann.

Großinquisitor.         Nun, Sire?

König. Kannst du mir einen neuen Glauben gründen,

Der eines Kindes blut'gen Mord vertheidigt?

Großinquisitor. Die ewige Gerechtigkeit zu sühnen,

Starb an dem Holze Gottes Sohn.

König.                 Du willst

Durch ganz Europa diese Meinung pflanzen?

Großinquisitor. So weit, als man das Kreuz verehrt.

König.                 Ich frevle

An der Natur – auch diese mächt'ge Stimme

Willst du zum Schweigen bringen?

Großinquisitor.                 Vor dem Glauben

Gilt keine Stimme der Natur.

König.                 Ich lege

Mein Richteramt in deine Hände. – Kann

Ich ganz zurücke treten?

Großinquisitor.                 Geben Sie

Ihn mir.

König.     Es ist mein einz'ger Sohn – Wem hab' ich

Gesammelt?

Großinquisitor.     Der Verwesung lieber, als

Der Freiheit.

König (steht auf).     Wir sind einig. Kommt.

Großinquisitor.                 Wohin?

König. Aus meiner Hand das Opfer zu empfangen.


“Nach Ansicht des britischen Historikers Hugh Trevor-Roper hat diese antiprotestantische, gegenreformatorische Reaktion mehr als der Protestantismus selbst das Schicksal des südlichen Europas für die folgenden dreihundert Jahre besiegelt.” 

(David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, S. 199)












Dienstag, 9. Februar 2021

Cervantes und die Inquisition

 Ja, auch das noch. Die spanische Inquisition, die Schnüffel- und Mordtruppe des Katholizismus, erfand auch die Rassensauberkeit. Cervantes (1547-1616), der Autor des “Don Quijote”, wurde von der Inquisition angeklagt und exkommuniziert wegen Verstoßes gegen die Blutsauberkeitsgesetze Ferdinands und Karls V.; Cervantes hatte nämlich auch jüdische Vorfahren in der Familie. Schlimmerer Bestrafung entging er offenbar nur knapp:

The Inquisition tried him under the Purity of Blood laws and, because he had Jewish blood in his family history, he was excommunicated, only barely escaping nastier punishments.” (https://barringtonstageco.org/behind-the-story-man-of-la-mancha/)

Ähnlich auch David Landes:

“Die Verfolgungen mündeten in eine endlose Hexenjagd mit allem, was dazugehört: bezahlte Schnüffler, spionierende Nachbarn, ein rassistischer Kult um die Reinheit des Blutes (limpieza de sangre) … Vor allem Reinlichkeit erregte Verdacht, und wer badete, gab sich als Ketzer zu erkennen, Marranen (jüd. Zwangskonvertiten, WD) ebenso wie Morisken (christianisierte Mauren, WD). Die Wendung ‘der Beschuldigte soll Bäder genommen haben …’ findet sich immer wieder in den Akten der Inquisition.” (David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, S. 199)  


Sonntag, 7. Februar 2021

Ein Rechenkünstler

Er suchte interessante Stellen in der Bibel, addierte deren Zahlenwerte, die Buchstaben, die nicht so gut zu dem passten, was er vorhatte, tauschte er einfach gegen andere, günstigere aus, und hast du nicht gesehen kam Stifel zu erstaunlichen Ergebnissen.” 

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/weltuntergang-laut-pfarrer-michael-stifel-100.html

Diese Methode funktioniert immer und überall. Die Realität ist zu komplex für unser Gehirn, daher wird auf Teufel und Gott komm raus Komplexität reduziert auf ein Taschenformat. Die Christen setzen anders an mit ihrer Apokalypse-Phantasie als die Buddhisten mit ihrer ewigen Wiederkehr. Das Ergebnis ist ähnlich, indem nämlich Unerklärliches auf einfache Deutung heruntergebrochen wird. 

In der Klimawissenschaft kann man es die Methode Schellnhuber nennen. Auch in der Apokalypse des Johannes brennt es an allen Ecken, wie bei Schellnhubers “Selbstverbrennung”. Aber der Fortschritt in der Apokalypseverkündung besteht darin, Zahlen einzusetzen und Rechenkünste. Wenn sich dazu noch Phantasie und Rednerbegabung gesellen, dann kann man schon großartige, weltweite Effekte erzielen. Und noch einen Lernfortschritt gibt es: die Prognosezeiträume sind so gewählt, daß sie von den Lebenden niemand mehr erlebt. Stifels kurze Frist hätte ihn beinahe das Leben gekostet, da muß man als Prophet vorbauen. 

Donnerstag, 4. Februar 2021

Karl V. und seine Nachwirkungen

“Ein marokkanischer Gesandter, der sich von 1690 bis 1691 in Madrid aufhielt, sah das Problem mit klaren Augen:

‘Durch die Eroberung und Ausbeutung der indischen Länder und die großen Reichtümer, die sie von dort bezieht, verfügt die spanische Nation heute über den größten Wohlstand und das höchste Einkommen aller Christen. Aber die Liebe zum Luxus und zu den Bequemlichkeiten der Zivilisation hat sie überwältigt, und man findet selten einen aus dieser Nation, der Handel treibt oder geschäftlich ins Ausland reist, wie es die anderen christlichen Nationen tun, zum Beispiel die Holländer, die Engländer, die Franzosen, die Genuesen und ihresgleichen. Auch die Handwerke der niederen Klassen und des gemeinen Volkes werden von dieser Nation verachtet, die sich den anderen christlichen Nationen überlegen dünkt. Die meisten von denen, welche diese Handwerke in Spanien ausüben, sind Franzosen; … sie strömen nach Spanien, um Arbeit zu suchen und Geld zu verdienen.”

(David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, S. 190; Landes zitiert hier aus Bernard Lewis, Die Welt der Ungläubigen, S. 203f.; der italienische Historiker und Staatsmann Francesco Guicciardini habe sich ähnlich geäußert, zit. in Cipolla, Before the Industrial Revolution, S. 250)  

Der zitierte Gesandte differenziert hier nicht zwischen Katholizismus und Protestantismus, die er offenbar nicht näher kennt.






Mittwoch, 3. Februar 2021

Reichseinheitsideologie, Imperialismus und protestantisches Arbeitsethos

Carlos V. forderte auf dem Wormser Reichstag von 1521 den Widerruf Luthers, der aber ausblieb, worauf über Luther die Reichsacht verhängt wurde. Carlos folgte dem alten Prinzip der Reichseinheitsideologie, dem schon Karl in seinen Sachsenkriegen im 8. Jahrhundert folgte. Nichts anderes beseelte auch Isabella und Ferdinand, die Reyes Católicos, bei der Requonquista und der Vertreibung der Juden bis 1492. Doch Einheitsdenken kann die wirtschaftlichen Nachteile der Vertreibung wirtschaftlich überlegener Gruppen nicht ausgleichen. Des Columbus’ Entdeckung Amerikas und die anschließende Ausplünderung der neuen Kolonien verdeckten die negative Entwicklung zunächst, jedoch nicht auf Dauer. Das protestantische Arbeitsethos in Flandern und England gewann die Zukunft, Portugal und Spanien verloren.