Dienstag, 24. Juli 2012

Mal so drauflosgequatscht








Doppelsignal mit Speer und Kind




Aus: Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Der Mensch - das riskierte Wesen. Zur Naturgeschichte menschlicher Unvernunft, 1988  




“Man könnte fast sagen, daß unsere Gesellschaften nach und nach ihr Gerüst verlieren und dazu tendieren, zu zerstieben und die Individuen, aus denen sie bestehen, auf austauschbare und anonyme Atome zu reduzieren.” 
(Claude Levy-Strauss, “Anthropologie in der modernen Welt”, 2012) 

Atome? Gerüst? Gesellschaften? Wußte Levy-Strauss, er verstarb vor zwei Jahren, daß Atome selten allein auftreten, sondern praktisch immer gebunden in Molekülen? Wie Menschen in Kleingruppen, Gruppen, und Großgruppen? Er, der Pariser Mode-Anthropologe, konnte auch als riesige molekulare Maschine beschrieben werden, wie auch alle anderen Menschen. Fast 100 Jahre hielt L-S gut zusammen, erst jetzt zerfallen seine Proteinketten unter der Erde, aber das Feuilleton hält ihn in Ehren und bespricht bisher unveröffentlichte Vorträge. (Vgl. Helmut Mayer, Der Westen ist erschöpft, FAZ 19.7.12)  
In seinen “traurigen Tropen” wäre er nicht so alt geworden und der Aufguß seiner alten Leier, daß der Westen erschöpft sei, wäre unterblieben.  
Und wie steht es mit dem “Gerüst”? Besitzen Gesellschaften ein Gerüst, eine “Struktur”, nach der Art des Hochbaus? So naiv durfte Aristoteles noch sein am Anfang des politischen Denkens, aber nach rund 2500 Jahren Geschichte, die viele Vergesellungsformen des Menschen und stetigen Wandel zeigt, sollte man belehrter sein.  
Da der Mensch immer neue Energie zuführen muß, kooperiert er stets mit anderen Menschen und kommuniziert mit ihnen. Das führt zu Kooperationsgebilden, die man ‘Gesellschaft’ nennen kann, der Begriff hat sich für große Menschenkooperationen eingebürgert. Luhmann sieht in den Kooperationen vor allem die Kommunikation, die er seinem Gesellschaftsbegriff zugrundelegt. Damit begreift er gut die Bewußtseinsphänomene und die Medien, die das kulturelle Leben ausmachen. Das ist bei den “Traurigen-Tropen-Indianern” des Levy-S. wenig entfaltet, und auch ihr Sozialleben insgesamt ist ‘faschistischer’ Natur, zusammengebunden nämlich wie das Rutenbündel ‘fasces’. Für den Einzelnen gibt es dort keinen Spielraum, keinerlei individuelle Freiheit. Die Sozialkontrolle wacht total über den Menschen. Solche primitiven Vergesellungen geben jedem seinen festen Platz, und je primitiver der Mensch ausfällt, desto mehr schätzt er das. Je elaborierter er jedoch ist, desto mehr möchte er dem entfliehen, desto mehr verlangt es ihn nach individueller Freiheit. Und nur im Westen, in der Entwicklung Europas, gewann dieses Freiheitsbedürfnis Raum und Gewicht. Es handelt sich nicht um einen Zufall, daß hier, getragen von Individuen, Wohlstand und Wissenschaft gediehen. Für manche, wie L-S, bis zum Überdruß. Aber versorgen ließ er sich gerne im “erschöpften Westen”.   

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