Posts mit dem Label Wolfgang Reinhard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wolfgang Reinhard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 2. April 2021

Auch eine Emanzipation

“In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig, daß in der karolingischen Reichskirche und noch stärker in der Ottonenzeit hohe Geistliche wesentliche Träger der Ordnung waren. Die Rekrutierung der Spitzen dieser Reichskirche aus der königlichen Hofkapelle verweist übrigens aus anderer Perspektive auf die Rolle, die die Erziehung am Hof des Herren für dauerhafte Loyalitätsbindungen hatte. Auch bei diesen der königlichen Kapelle entstammenden Bischöfen handelt es sich strukturell um den Typus einer abgeschichteten Hausgefolgschaft.” *

Die Kirchenspitze wächst aus der weltlichen Macht heraus und gewinnt zunehmend an eigener Macht. Die Kirche wird zur Papstkirche. 

“Hans Küng hat die Entwicklung zur Papstkirche des Hochmittelalters durch fünf ‘Kennzeichen des römischen Systems’ charakterisiert, nämlich Zentralisierung, Juridisierung, Politisierung, Militarisierung und Klerikalisierung.”** 

So wurde der Investiturstreit unvermeidlich. Der Papst setzte symbolische Waffen ein (Exkommunikation) und gewann gegen den salischen Kaiser Heinrich IV. (1050-1106)

“Der klassische Fall einer solchen autonomen, mit der monarchischen Staatsgewalt konkurrierenden Institution mit selbstbewußtem eigenen Personal war die lateinische Kirche. In ihrer institutionellen Entwicklung war sie der monarchischen Staatsgewalt nicht nur voraus, sondern sie hat in mancher Hinsicht sogar das Vorbild für diese abgegeben, denn die römische Kirche war die erste absolute Monarchie und der erste Staat des Abendlandes.” ***


*Mitterauer, Warum Europa? S. 135

**Mitterauer, Warum Europa? S. 154

***Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt, S. 210


Donnerstag, 1. April 2021

Panzerreiter und Reichskirchensystem

Remota itaque justitia quid sunt regna nisi magna latrocinia. Was sind also Königreiche außer große Räuberbanden, wenn die Gerechtigkeit fehlt? Augustinus, Gottesstaat, IV, 4


“Europa hat den Staat erfunden. Der Staat ist keine ‘anthropologische Notwendigkeit’ (Ulrich Scheuner), er ist weder ‘uranfänglich’ (F.C. Dahlmann), noch ist ‘Der Staat an und für sich das sittliche Ganze, die Verwirklichung der Freiheit’ und damit das Ziel der Weltgeschichte (Hegel). Die politische Anthropologie hat so viele ‘Gesellschaften ohne Staat’ ausfindig gemacht, und der weltweite ‘Export’ des europäischen Staates durch den Kolonialismus hat so problematische Ergebnisse gezeitigt, daß dieser Staat inzwischen als weltgeschichtliche Ausnahme und nicht mehr als Regel gilt. … Das Problem liegt also nicht darin, warum so viele Gemeinwesen weltweit undemokratisch, gewalttätig und parasitär waren und sind, sondern warum die europäischen, die von Haus aus auch nicht anders aussahen, erstaunlicherweise Demokratie, Konsensfähigkeit und Gemeinwohldenken entwickelt haben.” (Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt, S. 15) 


Michael Mittauer sieht einen frühen Faktor im Reichskirchensystem, in dem Lehen an Bischöfe und Äbte vergeben wurden. “In der Geschichte des Lehenswesens wird vielfach zu wenig bedacht, daß die militärische Vormachtstellung der karolingischen und später der deutschen Könige in Europa weitgehend auf dem Aufgebot der kirchlichen Vasallen beruhte, das zeitweise bis zu zwei Drittel oder gar drei Viertel des Heeres ausmachte. Ohne diese Indienstnahme der Reichskirche wäre der Aufbau von Panzerreiterheeren in einem solchen Umfang nicht möglich gewesen. In Byzanz gab es keine vergleichbare Möglichkeit des Zugriffs auf Ressourcen der Kirche für militärische Zwecke. Im Frankenreich setzt diese Inanspruchnahme des Kirchenguts schon mit den so genannten ‘Säkularisationen’ Karl Martells ein.” (Mitterauer, Warum Europa? S. 121)