Da hat er sich aber verbrannt!
Samstag, 20. Februar 2021
Freitag, 19. Februar 2021
Der König aus dem 'Midi'
Vier französische Herrscher wird das breite Publikum kennen: de Gaulle, Napoleon, Ludwig XIV. und Heinrich IV. Der beliebteste dieser Auswahl ist zweifellos Heinrich, in beiden Ländern. Das liegt auch an Heinrich Mann, der sich in Henri Quatre verliebte und ihm zwei Romanbiographien widmete, die es jedoch historisch nicht so genau nehmen, man kennt das von Heinrich Mann.
Henri Quatre schillert in der Geschichte wie kaum ein anderer, und keiner hat öfter die Konfessionen gewechselt. Paris ist eine Messe wert, eine katholische Messe, wohlgemerkt, soll er geäußert haben, und bestieg auf diese saloppe Weise den französischen Königsthron. Weswegen er auch als “Hugenotte auf Frankreichs Thron” (Taillandier) bezeichnet wird. Calvinistisch erzogen war der Südfranzose wohl auch mehr Protestant als Katholik, aber es lag offenbar in seiner an Theologie nicht übermäßig interessierten Persönlichkeit, daß er beides gut verbinden konnte, was auch - neben der Drohung der Hugenotten, den Bürgerkrieg weiterzuführen - 1598 zum Toleranzedikt von Nantes führte. Philipp II., dem spanischen Herrscher aus dem Hause Habsburg, konnte das wenig gefallen. “Als der Jülich-Klevische Erbstreit ausbrach, beschloß Heinrich, zugunsten der protestantischen Ansprüche einzugreifen, ja, man schrieb ihm die ehrgeizige Absicht zu, sich an die Spitze aller protestantischen Mächte zu stellen, um so dem katholischen Habsburg den Rest zu geben.” (Sieburg, Franz. Geschichte, S. 71)
So führte Henri Quatre die vorgefundene Außenpolitik gegen das deutsche Reich fort, wärend er innenpolitisch das Land konsolidierte. Der fanatische Wirrkopf Ravaillac fand das zu wenig katholisch und erstach 1610 den saloppen König.
Donnerstag, 18. Februar 2021
Epikur an Menoikeus
Der Winter ist Sterbesaison, bei den Tieren, bei den Menschen. Gegenüber dem Januar legt das Ableben noch einmal um etwa 10% zu, durchschnittlich, sagen die Bestatter, die es wissen müssen.
Da kann man nichts machen, damit muß man sich arrangieren. Und darüber reden. Das taten die Menschen zu allen Zeiten, und Epikur schrieb darüber:
“Gewöhne dich an den grundlegenden Gedanken, daß der Tod für uns ein Nichts ist. Denn alles Gute und alles Schlimme beruht darauf, daß wir es empfinden. Verlust aber dieser Empfindung ist der Tod. Deshalb macht die rechte Erkenntnis, daß der Tod für uns ein Nichts ist, die Sterblichkeit des Lebens zu einer Freude; sie fügt nicht nach dem Tode eine grenzenlose Zeit hinzu, sondern tilgt in uns die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit. Für den, der recht begriffen hat, daß es im Nichtleben nichts Schreckliches gibt, für den gibt es ja auch im Leben nichts Schreckliches.”
Epikur. Brief an Menoikeus - Philosophie des Glücks (Sämtliche Werke | Gesamtausgabe aller Werke von Epikur in deutscher Übersetzung) Kindle-Version.
Vielleicht ist das ein bißchen überzeichnet und vereinfacht, aber die zentrale Botschaft, “daß es im Nichtleben nichts Schreckliches gibt”, überglänzt doch alles, was die Theologen der Welt zusammengetragen haben.
Und auch dies kann als grandioser Hinweis Epikurs gelten:
“So ist also der Tod, das schauervollste Übel, für uns ein Nichts; wenn wir da sind, ist der Tod nicht da, aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.” (Ebd.)
Mittwoch, 17. Februar 2021
„Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer
Der katholische französische König Franz I. unterstützte die protestantischen deutschen Fürsten, was den fanatischen Spanier Karl V. auf den Plan rief. Seine Gegenreformation sah er gefährdet und er zog gegen Metz, das er aber trotz starken Beschusses nicht einnehmen konnte. Sein Sohn Philipp II. nahm wenig später die Feindseligkeiten wieder auf und fiel von den spanisch besetzten Niederlanden nach Frankreich ein. Dort führte Heinrich II. als Nachfolger Franz I. die alte französische Politik weiter und schloß 1552 mit dem protestantischen Kurfürsten von Sachsen, Moritz, den Geheimvertrag von Chambord ab. Als Belohnung erhielt Heinrich II. die reichsunmittelbaren Bistümer Metz, Toul und Verdun; Moritz waren seine fürstlichen Sonderinteressen wichtiger als das deutsche Reich. Der Konfessionskonflikt weitete sich aber auch in Frankreich aus. Calvin war nach Genf geflohen, die Hugenotten begannen sich zu organisieren, ihr Kopf wurde der Admiral Cologny, die Brüder Guise führten die katholische Seite mit spanischer Unterstützung. 1572 kulminierten die Spannungen in der Bartholomäusnacht, in der die gesamte Führung der Hugenotten in Paris abgeschlachtet wurde. Verfolgungen der Protestanten folgten in ganz Frankreich. Das ist der Hintergrund des Erzählgedichts „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-98).
Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß, Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest. Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann... - „Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!" - „Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich? Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!" Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal, Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt, Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib, Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild... Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft... Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal... Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft. Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt... Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut. - „Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal! Drei Jahre sind's... Auf einer Hugenottenjagd... Ein fein, halsstarrig Weib... "Wo steckt der Junker? Sprich!" Sie schweigt. "Bekenn!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf... Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie Tief mitten in die Glut.. "Gib ihn heraus!".. Sie schweigt... Sie windet sich... Sahst du das Wappen nicht am Tor? Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr? Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." Eintritt der Edelmann. „Du träumst! Zu Tische, Gast..." Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet. Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an- Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk, Springt auf: „Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt! Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm, Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr... Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach. Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert. Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt. Die Treppe kracht... Dröhnt hier ein Tritt?... Schleicht dort ein Schritt?... Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht. Auf seinen Lidern lastet Blei und schlummernd sinkt Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut. Er träumt. „Gesteh!" Sie schweigt. „Gib ihn heraus!" Sie schweigt. Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut. Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt... - „Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!" Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt. Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut, Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar. Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut. Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad. Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch. Friedsel'ge Wolken schwimmen durch die klare Luft, Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht. Die dunkeln Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch. Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr, Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin. Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht: „Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward Sein Dienst mir schwer.. Gemordet hast du teuflisch mir Mein Weib! Und lebst!... Mein ist die Rache, redet Gott."
Dienstag, 16. Februar 2021
Ein katholischer Narr
vonHans Conrad Zander, 2007
Närrisch kann jeder sein, doch für einen Narren braucht es mehr, nämlich dramatischen Sinn und eloquenten Humor. So einer erscheint uns in dem entlaufenen Schweizer Dominikaner Hans Conrad Zander. Insofern ist er auch ein Nachfahre des Thil Uilenspiegel. Mit dem großen Unterschied jedoch, daß Uilenspiegel ein Lutheraner war und Zander ein zur Meisner-Woelki-Partei gewechselter Calvinist. Seine katholische Propaganda verpackt er sehr attraktiv in launigen Humor und bei leibhaftigen Auftritten setzt er gekonnt Turnschuhe, Kniefälle und seinen Schweizer Tonfall ein, eine Zirkusnummer wirkt dagegen blaß. Bei seiner Liebeserklärung an die Inquisition kehrt er allerdings den Woelki heraus, was ihm Beifall von ungewohnter Seite einbrachte. Und noch mehr Kritik von der anderen. Dumm nur, daß der muntere Zander für seine exotische Perspektive auf alle Quellennennung verzichtet. Lautet doch der erste Satz in der Erstsemestervorlesung der Historiker: Quellen, Quellen, Quellen. Phantasieren und glauben sollen die Theologen. Das tut denn auch der Schweizer Hans. Der Psychologe Steven Pinker entdeckt seine Quellen, wenn er schreibt:
„Der Blutzoll, den die Verfolgung von Ketzern und Ungläubigen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Christentum forderte, übersteigt jede Vorstellungskraft und straft die herkömmliche Weisheit Lügen, das 20. Jahrhundert sei eine ungewöhnlich gewalttätige Epoche gewesen. … können wir doch von Schätzungen von Gewaltforschern wie dem Politikwissenschaftler R.J. Rummel in seinem Buch “Death by Government” und dem Historiker Matthew White in seinem “Great Big Book of Horrible Things” und seiner Website “Death by Mass Unpleasantness” einen Eindruck bekommen.” (Pinker, Gewalt, S. 220)
Die Heimseite https://www.necrometrics.com/pre1700a.htm#European nennt - wie auch die Wikipedia unter dem Stichwort “Inquisition” - viele Zahlen und Quellen, die Zanders Zahlen als außerordentlich unspaßig und drastisch verharmlosend erscheinen lassen.
Die Einrichtung der Inquisition als Behörde mit Regelverfahren 1231 verdankt sich dem großen Schreck und Entsetzen, daß die Katharer unbemerkt von Rom eine Massenbewegung geworden waren und große Kräfte entfaltet werden mußten, um die etwa 200.000 Katharer auszurotten. Hinfort sollte die Inquisition einen flächendeckenden Schnüffelapparat aufbauen, eine Art katholischen Verfassungsschutz, um früh eingreifen zu können. Die Schnüffler schnüffelten auch unter den Röcken.
“Ein Manuskript aus Toledo aus dem 16. Jahrhundert beschreibt die Inquisition einer Frau, die dafür angeklagt worden war, saubere Unterwäsche am Samstag zu tragen, angeblich ein Zeichen, daß sie insgeheim Jüdin war. Sie wurde auf die Streckbank gepackt und der Wasserfolter unterzogen (ich erspare ihnen die Details …), dann gewährte man ihr einige Tage zur Erholung und folterte sie erneut, während sie verzweifelt herauszubekommen versuchte, was sie gestehen sollte. … Rummel setzt die Zahl der Opfer der spanischen Inquisition mit 350.000 an.” (Pinker, Gewalt, S. 221f.)
Zanders beruft sich offenbar auf die Fälschungen des Vatikans; man staunt, wie er sich von Rom einseifen läßt.