Freitag, 10. April 2009

Karwoche, Karaimen


10-22° und sonnig - 1. Zecke

Karwoche (Eduard Mörike)

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ach dort, von Trauermelodieen trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb' und Frühling, alles ist versunken!
------- WD
Das ist vorbei, die Trauer hält sich nun in Grenzen
Der Gottesdienst hat seinen Sinn verloren
Die Religion, einst innig noch beschworen
Macht Platz dem Ausflug in Mercedes-Benzen.
--------- H.K.
So glaubt der Fachmann, doch den Laien wundert's nicht,
( Weiß er doch, was den Menschen drückt,
Und sucht, was ihn der Hoffnungslosigkeit entrückt )
Daß Religionen stets nur ändern ihr Gesicht.

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- Auf der Suche nach den Karaimen - Eine litauische Reise von Karl-Markus Gauß. Er geht den Sagen einer wie immer jüdischen Gemeinschaft nach - warum immer. Interessant ist, daß sich die Religionen gleichen, daß immer wieder die gleichen Denkfiguren vorkommen, daß aber der Differenzierungstrieb, die Grenzziehung zu den anderen Glaubensgemeinschaften abertausend spitzfindige Unterschiede erfindet und sie mit der Zeit heiligt.
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- Das Gegenteil der Karaimen: ZDF-History, n-tv-history : was sagt das über den Vergeistigungsgrad von Abiturienten aus? Offenbar meinen die Sender, daß sie auf diese Weise jüngere Menschen eher ansprechen können.

- "Studie: Rotes Fleisch fördert frühen Tod .
gel. WASHINGTON, 24. März. Nach einer amerikanischen Studie scheint bei Personen, die viel Rind- und Schweinefleisch essen, das Risiko zu bestehen, ..." FAZ // Also denn: Rotbarsch und Rotwein.

Donnerstag, 9. April 2009

Reduktionismus, der greift / Genom, Zufall, Denkblasen




Besser ist der: Montaigne

Hübsche Häuschen gebaut: Guggenheim-Museum von Frank Lloyd Wright (gest. 9. April 1959)

Luhmann-Dialog AGGRESSION 4: Reduktionismus, der greift / Genom, Zufall, Denkblasen
PF:
'Was wir mit "Umwelt" meinen, der Anteil der nicht durch die Gene bedingten Varianz hat möglicherweise gar nichts mit der Umwelt zu tun. Wenn die nichtgenetische Varianz das Ergebnis zufälliger Ereignisse bei der Entwicklung des Gehirns sein sollte, wäre damit ein weiterer Teil unserer Persönlichkeit und unserer Intelligenz biologisch (wenn auch nicht genetisch) bedingt und damit selbst den besten Absichten der Eltern und der Gesellschaft entzogen. '

Ich glaube, wir kommen hier nicht zu einer Verständigung. Für mich sind neuronale Systeme, Körper etc. Umwelt von Sinnsystemen. Sozialisation ist für mich die soziale Interpretation von Hirnereignissen. Dabei komme ich nicht auf die Idee, daß die Infrastruktur psychischer Sinnsysteme keinen Einfluß hätte, so als ob es gleich wäre, was man da geerbt hat, aber: Sinnsysteme verdanken die Möglichkeit ihrer Sinnhaftigkeit der Sozialität. Ohne sie könnte niemand ein Verbrecher, Held oder sonst irgendetwas sein. Das Gehirn ist, wie ich gesagt habe, ziemlich 'doof'.

WD:
Das bringt die unterschiedlichen Perspektiven knapp, deutlich und gut zum Ausdruck. Die Dialektik von Neuron und Sinn gleicht ein wenig der von Henne und Ei im Streit um die Ursprünglichkeit. Das Gehirn ist vielleicht nicht gerade ziemlich 'doof', bewältigt es doch eine systemische Komplexität, die die der primitiven Sinnsysteme der Gesellschaft bei weitem übersteigt, und es kann ganz gut Theorien erzeugen und unterscheiden. Die ihm inhärenten Verhaltens- und Denkfiguren sind sogar erst die Plattform für kulturelle, variantenreiche Sinnkreationen. Letztere sind Moden und lassen sich mit der Theorie Sozialer Systeme gut erfassen und beschreiben. Wobei Verirrungen groteskester Art, Denkblasen schaurigster Größe vorkommen. Aber die Gesellschaft auf Kommunikationen allein zu gründen, macht sie für alle grundlegenden soziobiologischen Phänomene blind. Wie Luhmann in 'Liebe als Passion' scharfsinnig den erotischen Kode analysiert, das beeindruckt, aber für die Triebkraft Sexualität, ohne die es gar keinen erotischen Kode gäbe, hat er keinen Blick .
Was hätte eine neurowissenschaftliche Sozialisation aus Luhmann gemacht! Hätte er sein wichtigstes Buch geschrieben, 'Die Gesellschaft der Biowissenschaften'? Und hätte Ute Seibt geheiratet?
So blieb er leider zeitlebens biologisch uninformiert und konnte nie ein Gespür dafür entwickeln, wie der Alte Hominide Adam auch in sehr abstrakten, komplexen Vergesellungen stets wie ein Maxwellscher Dämon präsent ist.- Auch in diesem Forum flackern übrigens immer wieder Blockwart-Aggressivitäten auf, die in merkwürdigem Gegensatz zur wohltemperierten Stimmung der Th. Soz. Syst. stehen.
Blockwart-Aggressivitäten sind natürlich abzulehnen, ebenso alle anderen primitiven Aggressivitäten, ob verbal oder gewaltsam. Aber wie ist es mit der spielerischen Aggressivität der Polemiklust, wie mit den Gewaltspielen des Boxens, mit Aggressivitätsformen, die der Lust und Unterhaltung dienen? Ich finde es nicht schön, wenn sich Boxer in die Backen hauen, aber es bereitet ihnen Lust, ebenso dem Publikum. Dagegen ist die Verteidigungsaggression kein Spaß, sondern überlebensnotwendig, sei sie psychisch oder physisch gelagert. Aggressivität als eine Handlungsmöglichkeit findet sich überall in der Fauna und sogar bei den Karnivoren, den Fleischfressenden Pflanzen, sie ist einfach als Verhaltensmöglichkeit im Genom vorhanden.
Tja. So sei es denn. Man braucht halt mehr als nur eine Theorie. Mir ist im Rahmen dieses kleinen Dialogs übrigens auch klar geworden, warum manche Theologen Luhmann schätzen.

- Systemtheorie nachgetreten: "Sinnsysteme verdanken die Möglichkeit ihrer Sinnhaftigkeit der Sozialität. Ohne sie könnte niemand ein Verbrecher, Held oder sonst irgendetwas sein." (PF) Die ganze Irrealität der hauptamtlichen Systemtheorie-Vertreter, aber für andere Theorieapostel gilt Ähnliches, kommt in solchen Sätzen zum Ausdruck. Es gibt ein Handeln vor dem rechtlichen oder einem anderen Kode. Auch wenn ein Mörder nicht Verbrecher genannt wird, so bleibt er doch ein Mörder.

- Jungs: "...Mütter und Väter von Jungs, Lehrerinnen und Lehrer wissen, wovon die Rede ist, dass am allerwenigsten ein Kampf der Geschlechter weiterführt, den der Feminismus zum unbestrittenen Vorteil der Mädchen gewonnen hat. Woran so lange nichts Falsches ist, solange der Streit um Chancengleichheit diese auch wirklich hervorbringt. Darüber aber sind wir hinaus. Nur zehn Prozent der Lehrer an Grundschulen sind Männer, auch an den weiterführenden Schulen sucht man sie längst mit der Lupe, Schulbücher handeln von starken Mädchen und von Jungens, die kochen und stricken, in Deutscharbeiten geht es um Backrezepte, und im Sportunterricht wird gejazzdanct. Es gibt den „Girls Day“, aber keinen „Boys Day“ und vor allem - es gibt die Jobs nicht mehr, die Jungen anstreben. Dafür gibt es schlechtere Noten bei gleichen Leistungen, denn das Verhalten wird immer mitbenotet. Das hält kein Junge aus. ..." Männliche Problemkinder, Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen, FAZ / SWR-Film, 8.4.

Mittwoch, 8. April 2009

Genom, Zufall, Systemische Gesellschaft



Heute ist es dem Plattenblümchen, das da steht ohne Förderung irgendwelcher Politaufschneider, etwas kühler: 10-15°, kaltes Schauerwetter

Luhmann-Dialog AGGRESSION 3
PF
ich verstehe Sie so, daß Sie etwas gegen Aggressivität haben. Dann argumentieren Sie weitgehend so, als ob es um ein intrinsisches Phänomen gehe. Das kann man natürlich tun, aber, wie ich denke, nicht in diesem reduktionistischen Gestus, der soziale Vorgänge (und das Exerzieren von Aggressivität ist doch offenbar sozial) auf Körpergegebenheiten plus irgendwie darin befindlicher Anlagen zusammenschnurren läßt. Dann kommt man irgendwie zu aggressiven Embryos, die sich mitunter deutlich von innen tretend und boxend gegen die Innereien der Mutter bemerkbar machen. Und: Man vergißt schließlich, daß Aggressivität ein Wort ist, ein Beobachtungsschema, das ohne Sinnsysteme keinerlei Bedeutung hat. Oder glauben Sie wirklich, daß man beobachtungsfrei über Aggressivität sprechen kann? - Ich bedanke mich aber für die schöne Idee des aggressiven Embryos (ich nenne ihn jetzt aus Gedächtnisgründen: Knut Mutt und stelle mir dabei eine schöne Comic-Serie vor) und revanchiere mich mit einem Zitat von Luhmann: "Forscher, die man mit dem Auftrag, festzustellen, wie es wirklich war, ins Feld jagt, kommen nicht zurück; sie apportieren nicht, sie rapportieren nicht, sie bleiben stehen und schnuppern entzückt an den Details." Luhmann, N., Ideenevolution, Beiträge zur Wissenssoziologie (hrsg. von André Kieserling), Frankfurt a.M. 2008, S.234
WD
Genom, Zufall, Systemische Gesellschaft
Für dieses schöne Zitat lassen sich sicher viele Namen als Beleg anführen. Und überhaupt duften Zettelkästen und Bücherstapel ja bedeutend besser. Da entfaltet sich Sinnaroma. Da könnte einem höchstens noch einfallen:
"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie // Und grün des Lebens goldner Baum." - Faust I, 2038 f.
Zur Not noch Semmelweis und die Sepsis. Die Theorie war: Geburtshilfe ist gut. Das Ergebnis war: mehr Todesfälle. Semmelweis bildete sich eine Hypothese unsystemischer Art, die aber eine soziale Dimension besaß: Sektion und Kindbettfieber passen wie Faust auf Auge.
Die Gesellschaft, was immer das sein mag, ist natürlich eine andere Dimension. Da spielen die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien eine große Rolle. Manchmal kommt es zum Show-down at High Noon.
Frisch auf den Tisch:
"Gesuchter Verbrecher
Die vielen Gesichter des Thomas Wolf
Von Philip Eppelsheim
FAZ 07. April 2009 Thomas Wolf wird zu einer unauffälligen möblierten Wohnung irgendwo in Westeuropa gefahren sein, die er womöglich schon vor Jahren gemietet hat. Die Miete hat er seitdem wohl stets bar gezahlt. Dem Vermieter wird er seine lange Abwesenheit damit erklärt haben, dass er beruflich viel unterwegs sein müsse. Wolf wird sich vielleicht als Holländer oder Brite ausgeben. Niederländisch und Englisch spricht er ohne Akzent, Letzteres sogar mit mehreren Dialekten. Wolf wird ein unscheinbares gebrauchtes Auto vor der Wohnung stehen haben, das er im Internet oder über eine Kleinanzeige gekauft hat.

So vermutet es zumindest die „Soko Wolf“; sie ist hinter dem Entführer her, für dessen Ergreifung es 100.000 Euro Belohnung gibt. Wolf könne eigentlich überall sein, sagen die Polizisten. Und dort, wo er ist, wird er lockere soziale Kontakte knüpfen, gerne mal mit den Nachbarn trinken, „bis er hauchzart lallt, aber nie bis zum Kontrollverlust“. Er wird die Menschen in seiner Umgebung freundlich grüßen, sich anpassen. „In honorigen Kreisen wird er dementsprechend auftreten. Er kann aber auch im Schlabberlook am nächsten Kiosk stehen.“ 56 Jahre ist Wolf alt, 1,85 Meter groß, trägt Brille, hat graue Haare und Geheimratsecken, ist muskulös vom ständigen Hanteltraining - „völlig unauffällig, komplett normal“, sagen Zielfahnder.

Wolf entführte die Frau eines leitenden Bankers

Acht Jahre hat der gebürtige Düsseldorfer Wolf als Niederländer David van Dijk scheinbar „komplett normal“ im Frankfurter Westend gelebt. Ab und zu hat er sich den weißen Mercedes 200 E seiner Lebensgefährtin geliehen. Die Frau, so die Polizei, habe keine Ahnung gehabt, mit wem sie zusammenlebte. Dass dieser Mann Touren nach Brüssel und Eindhoven unternahm und Banken mit Bombenattrappen einen Besuch abstattete.

Am 27. März dieses Jahres steigt Wolf wieder in den weißen Mercedes. Er fährt nach Wiesbaden, überwältigt die Frau eines leitenden Bankangestellten in ihrem Haus, fesselt und entführt sie. Dann ruft er den Ehemann an, verlangt zwei Millionen Euro, lässt den Mann anschließend immer wieder neue Orte anfahren, um ihm Anweisungen zu geben. Am Abend deponiert der Ehemann 1,8 Millionen Euro an einer Autobahnbrücke. Wolf schnappt sich die Tasche mit dem Geld und verschwindet in einem VW Golf Variant. Die Entführte hat er in der Nähe des Übergabeorts an einen Baum gefesselt. Sie kann sich selbst befreien. Wolf meldet sich kurz vor Mitternacht von einer Telefonzelle aus bei einer Polizeistation im Hochtaunuskreis und teilt den Aufenthaltsort der Geisel mit. Seitdem fehlt von ihm, der schwarzen Tasche mit dem Geld und dem silbernen VW jede Spur.

Sein Leben finanziert er mit Verbrechen

Wolf ist wohl wieder in das „normale Leben“ zurückgekehrt. Eines ohne Luxus. „Das Geld nutzt er, um zu leben“, heißt es beim Hamburger Landeskriminalamt, das seit neun Jahren nach Wolf fahndet. Wolf hat nie einen Beruf gehabt, nie etwas gelernt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit Verbrechen. Seit Thomas Wolf 15 Jahre alt ist, beschäftigt er die Polizei. Als Fahrrad- und Ladendieb beginnt er. Wolf kommt in ein Landesjugendheim, haut ab, wird zum Räuber. Auch die erste Gefängnisstrafe bleibt ohne Folgen. Er klaut weiter, fälscht sich einen Führerschein, betrügt, begeht Körperverletzungen.

Sein Leben besteht aus Straftaten, Aufenthalten in Gefängnissen und Ausbrüchen aus Gefängnissen. Im März 1990 betritt Wolf eine Bank in Kelsterbach bei Frankfurt. Ein seriös wirkender Mann mit einem Zettel und einer Waffe in seinem Koffer: „Kein Alarm. Ich schieße sofort. Du kriegst den ersten Bauchschuss.“ Wolf erbeutet 40 000 Mark. Ein Jahr später sitzt er wieder im Knast. Er versucht abzuhauen, nimmt eine Geisel im Gefängnis, stiftet zwei Jahre später eine Gefangenenmeuterei an. Am 2. Januar 2000 kehrt er von einem Hafturlaub nicht mehr zurück.

Er hatte schon viele Namen, etwa Marc Gathercole und Tom Pitkeathley

Wolf klaut Autos, indem er sich als Interessent auf Kleinanzeigen meldet und von den Probefahrten nicht mehr zurückkehrt, tritt als „Marc Gathercole“, „Tom Pitkeathley“ und unter vielen anderen Namen auf. Im April 2000 meldet sich Wolf bei einer Bank in Hamburg-Altona. Er vereinbart ein Beratungsgespräch. Zu diesem erscheint er mit einer Bombenattrappe. Er erbeutet 500 000 Mark und lässt einen der Bankangestellten mit der vermeintlichen Bombe in einer Einkaufsstraße stehen; weil Wolf auf der Attrappe einen Fingerabdruck hinterlassen hat, bezeichnet die Boulevardpresse ihn als Supertrottel.

Mittlerweile wird er Chamäleon und der böse Wolf genannt, von einigen auch Robin Hood. Die Ermittler sagen, Wolf sei es egal, ob er Spuren hinterlasse. „Er sagt sich: Ihr kriegt mich sowieso nicht.“ Nach dem Banküberfall in Hamburg verschwindet Wolf, wird zu dem unauffällig lebenden Niederländer van Dijk. Die Entführung, sein nächstes Verbrechen, plant er akribisch.

Seine Verbrechen haben sich von Fall zu Fall gesteigert

Wolf schaut, wo er mit geringstem Risiko das meiste Geld bekommen kann. „Seine Taten laufen ruhig und gesittet ab“, sagen Ermittler. Schließlich lässt Wolf sein Leben als van Dijk und die Frau, mit der er acht Jahre zusammenlebte, wie einen Koffer zurück und geht ein für ihn hohes Risiko ein. Doch immer schon gab es eine Steigerung seiner Verbrechen. Von Diebstählen zu Raub zu Banküberfällen - und nun die Entführung.

Polizeipsychologen bezeichnen Wolf als narzisstisch veranlagt. Er sei ein Soziopath. „Er weiß nicht, was eine menschliche Bindung ist. Er hat keine Empfindungen.“ Aber Wolf weiß, wie er sich verhalten muss. Als unauffälliger älterer Herr irgendwo in Westeuropa." FAZ 7.4.
Tja. Ob er auch die Lu-Li liest? Das wäre für ihn, den robusten Interaktionisten sicher hilfreich.
Ist Wolf ein geborener Soziopath? Oder ist er nur systemisch angelernt?
Dazu hat Pinker eine Anmerkung:
'Welche Faktoren prägen Persönlichkeit und Intelligenz? Steven Pinker, FAZ, 14.01.2002 (edge.org)

Nach der Geburt getrennte eineiige Zwillinge zeigen als Erwachsene eine überraschende Ähnlichkeit in Denken und Persönlichkeit (auch wenn von Identität keine Rede sein kann); gemeinsam aufgewachsene eineiige Zwillinge gleichen einander stärker als gemeinsam aufgezogene zweieiige Zwillinge. Viele Menschen reagieren auf solche Ergebnisse mit der Feststellung: „Sie wollen also behaupten, daß alles in den Genen angelegt ist.“ Aber die Forschung zeigt, daß die Gene nur für etwa die Hälfte der Variation verantwortlich sind; etwa die Hälfte muß also auf etwas zurückzuführen sein, das nicht genetischer Natur ist. Die nächste Reaktion lautet dann: „Das heißt also, die andere Hälfte muß aus der Erzieung stammen.“ Doch auch das ist falsch. Bei der Geburt getrennte eineiige Zwillinge sind einander nicht nur ähnlich; sie sind einander „nicht weniger“ ähnlich, als wenn sie gemeinsam aufwachsen. Dasselbe gilt für Geschwister, die keine Zwillinge sind: Gemeinsam aufgewachsen, sind sie einander nicht ähnlicher, als wenn sie getrennt aufwachsen. Gemeinsam aufgewachsene eineiige Zwillinge gleichen einander nur zu fünfzig Prozent, und Adoptivgeschwister sind einander nicht ähnlicher als zwei rein zufällig ausgewählte Menschen. Kinder werden einander also nicht deshalb ähnlich, weil sie im selben Haushalt aufwachsen.

Die Variation in Persönlichkeit und Intelligenz läßt sich also prozentual etwa so zerlegen: Gene fünfzig, Familie null und irgend etwas anderes wieder fünfzig. Vielleicht ist es der Zufall. Im Mutterleib wendet sich der Wachstumskegel eines Axons nicht hierher sondern dorthin; das Gehirn erhält so eine etwas andere Konfiguration. Man kann sich eine Entwicklung vorstellen, bei der sich Millionen kleiner zufälliger Ereignisse gegenseitig aufheben, so daß am Ende dasselbe Ergebnis herauskommt; man kann sich aber auch einen Prozeß vorstellen, bei dem ein zufälliges Ereignis die Entwicklung völlig aus der Bahn wirft, so daß ein Monster entsteht. Doch keins von beidem geschieht. Die Entwicklung der Organismen basiert offenbar auf komplizierten Rückkopplungsschleifen. Zufällige Ereignisse können das Wachstum aus der Bahn bringen, doch die Bahnen bewegen sich im Rahmen funktionierender Entwürfe für die betreffende Spezies, die durch die natürliche Selektion festgelegt wurden.

Was wir mit „Umwelt“ meinen – der Anteil der nicht durch die Gene bedingten Varianz – hat möglicherweise gar nichts mit der Umwelt zu tun. Wenn die nichtgenetische Varianz das Ergebnis zufälliger Ereignisse bei der Entwicklung des Gehirns sein sollte, wäre damit ein weiterer Teil unserer Persönlichkeit und unserer Intelligenz biologisch (wenn auch nicht genetisch) bedingt und damit selbst den besten Absichten der Eltern und der Gesellschaft entzogen.

Steven Pinker ist Professor für Psychologie am Department of Brain and Cognitive Sciences des Massachusetts Institute of Technololgy (MIT) in Cambridge und u.a. Autor von „Wörter und Regeln“. '
Reduktionismus erweitert um den Zufall, das unberechenbare Ereignis. Aber wir wollen doch das sichere Ereignis 1. Zumindest hat da die Systemtheorie ein Angebot, das nicht völlig abwegig ist. Mehr ist in der sozialen Gesamtschau nicht zu haben. ". O daß dem Menschen nichts Vollkomm’nes wird, Empfind’ ich nun. ..." .
Dabei wird's wohl bleiben.
Besten Gruß, Wolf Doleys

Dienstag, 7. April 2009

Einem Fortschrittsleugner, Töten



Und wieder fliegt die Fledermaus! 11-20°C

- Noch'n Gedicht zur Auflockerung: Einem Fortschrittsleugner


Dein Hypothesenungeheuer

Hat mich noch niemals recht erbaut.

Der Weltgeist ist ein Wiederkäuer,

Der ewig frisst und nie verdaut?

Still, still, mein Lieber; also spricht

Nur Einer, den der Haber sticht,

Denn könnt' ich, hoch im Himmel hausend,

Nur um ein lumpiges Zehnjahrtausend

Dein Hirn nach rückwärtshin verrenken,

Du würdest anders drüber denken!

Arno Holz (1892)

# Töten, eine Testosteron-Lust. Ein Dialog. 2 #


- Spanien: "Davongekommen .
Zur "nur teilweise gelungenen" Aufarbeitung der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs im Artikel "Einen Nationalsalat, bitte!" von Paul Ingendaay (FAZ 1.4.09): Die Linke ermordete insgesamt 13 Bischöfe, 4184 Priester, 2356 Ordensmänner und 283 Ordensfrauen. Der Besitz religiöser Bücher, ja das Tragen einer Marien-Medaille, galt Ende 1937 noch als strafwürdige Ablehnung des Regimes. Ein Sieg der Linken hätte zu einer spanischen 'Volksdemokratie geführt. Der röm.-kath. Kirche wäre dort möglicherweise der Garaus gemacht worden. ... " LB FAZ Sig. Fhr.v. Elverfeldt, München
- - Dazu auch Orwell: ' ... Orwells Einstellung zum Kommunismus war durch Spanien geprägt. Dort hatte er sein Damaskus erlebt. Er zog die gleiche Konsequenz aus dieser bitteren Erfahrung wie Arthur Koestler, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Orwell war entschlossen, die Wahrheit aufzudecken. Vier Wochen nach seiner Flucht begann er bereits einen Artikel mit der Behauptung, der Spanische Bürgerkrieg habe mehr Lügen erzeugt als irgendein Ereignis seit dem Ersten Weltkrieg. Sarkastisch bemerkte er, daß er trotz "der Hekatomben von Nonnen, die vor den Augen der Reporter des ,Daily Mail' vergewaltigt und gekreuzigt worden sind", bezweifle, ob es die profaschistischen Zeitungen waren, die den größten Schaden angerichtet hatten. "Es sind", schrieb Orwell, "die linken Publikationen . . . mit ihren viel subtileren Verzerrungsmethoden, die die britische Öffentlichkeit daran gehindert haben, den wirklichen Charakter des Kampfes zu begreifen." ...' Aus: Schweine sind doch auch nur Menschen, Rez. George Orwell Gesamtausgabe, FAZ 18.07.1998 (G.Th.)
Vgl. auch: http://orwelldiaries.wordpress.com/page/5/

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PF:
"... es ist das individuelle, persönlichkeitsbasierte, psychotizistische Verhalten gegen soziale Gebote, ein asoziales, vorsoziales, sozial destruktives Verhalten ..." (WD)
Sie packen für mich eine ganze Reihe Ungeklärtheiten in den oben zitierten Satz. Beispielsweise weiß ich nicht, wie man theoriefrei über 'individuelles', 'persönlichkeitsbasiertes' Verhalten sprechen kann. Diese Ausdrücke sind ja schon dem Kanon sozialer Bezeichnungsmöglichkeiten entnommen. Und ein Verhalten, das sich gegen soziale Gebote richtet, vorsozial ist oder sozial destruktiv, ist wiederum eindeutig: sozial.
"In der Arbeitsteilung der Geschlechter weit über die Säugetiere hinaus wurde eine männliche Kampfdisposition selektiert, dergestalt, daß diejenigen einen größeren Reproduktionserfolg hatten, die erstens überlebten, weil sie Angreifer abwehren konnten, zweitens, weil sie ihrer Brutgemeinschaft ein auskömmliches Territorium sichern konnten, und sie, drittens, Symbole dieser Fähigkeiten vorweisen konnten, um als Reproduktionspartner zugelassen zu werden. Die Wahl der weiblichen Tiere nach solchen Kriterien ist ein soziales Datum, die gesteigerte Kampfkompetenz eines Achill (im Vergleich zum Soldaten Sokrates) ist ein persönlich differenziertes, wenn man, wie bei Tim Kretschmer, eine verminderte, psychotizistische Impulskontrolle annimmt.- Da kann man dann wohl von Interpenetration der Systeme sprechen."
Ich bin, was diese Thesen anbetrifft, sehr skeptisch. Sie übertragen (für mich) zu schnell animalisches Verhalten auf 'Menschen'. Das heißt überhaupt nicht, daß man genetische Dispositionen oder Vorbedingungen des Verhaltens bestreiten müßte, sondern nur, daß Sozialität dazu führt, daß ein Achill über Jahrtausende hinweg als 'Held' tradiert wird und wohl (bei dem Wenigen, was wir darüber wissen) auch in seiner Zeit unter dieser Rubrik verbucht und sozial akzeptiert wurde.
"Wahrscheinlich irritiert mich bei der Theorie Sozialer Systeme immer, daß sie vor Ort nicht erkenntnisleitend zu sein scheint (vgl. ähnlich Feyerabend). Oder bei der Diskussion sog. AMOKLÄUFE, die unergiebig als soziales Phänomen behandelt werden, wobei die persönlichkeitsdifferentielle Seite gar nicht in Erwägung gezogen wird."
Ich kann diese Irritation gut verstehen, wenn ich auch immer wieder durch Formulierungen wie 'vor Ort' meinerseits irritiert werde. Das klingt so, als sei dieses 'vor Ort' irgendwie näher an der Wahrheit oder Realität dran. Aber man darf die Blickverluste nicht vergessen, wenn man zu dicht an etwas herangeht, um etwas zu sehen. Ähnliche Blickverluste ergeben sich gewiß auch für Theorien, die als Fernsichten Möglichkeiten der Nähe aus dem Auge verlieren. Kühler: Theorien sind Programme für empirische Forschung, und wie immer gibt es auch hier schlichte Programme und raffiniertere. Man darf, glaube ich, nicht vergessen, daß die jeweiligen 'Dogmen' von Theorien, die erst ihren kombinatorischen Reichtum ermöglichen, selbst nicht empiriefähig sind. Ob 'Amok' ergiebiger behandelt wird, wenn man die 'persönlichkeitsdifferentielle Seite' ausleuchtet, ist fraglich. Ich meine, es könnte weitaus ergiebiger sein, auch hier von Sozialisation auszugehen.
PF
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"Wir irren alle, nur jeder irret anders", meinte Lichtenberg, und das hat ja auch eine konstruktivistische Lesart.
Luhmann erinnert mich manchmal an das umfassende System der Medizin des Galenos alias Galenus, das so holistisch prächtig daherkam, daß er damit mehr als tausend Jahre, bis Will. Harvey über den Daumen, die richtige, die naturwissenschaftliche, die moderne Medizin verhinderte zugunsten eines Elaborats ungefährer Beobachtungen und philosophischer Herumdenkerei. Beides auf recht intelligente, vor allem ausführlich dokumentierte Weise. Zwischen Harvey und Galen besteht kein so großer Unterschied: sie denken sich beide etwas, machen sich intuitiv einen Reim auf das, was sie so in ihrer Umwelt sehen - Galen sieht mehr Aristokratie, Harvey hat es mehr mit Kühen, na ja, das bleibt in der Säugetierfamilie - aber vielleicht inspiriert der Adel doch mehr zu höherer Holistik, während Kühe möglicherweise mehr den präzisen, theorieabgespeckten Hinblick befördern. Vielleicht war es aber auch Galens Neigung zur philosophischen Spekulation, die ihn so verblödete, und, bei Harvey, war es seine unpoetische Disposition verbunden mit einer drastisch erhöhten Fähigkeit zur Datenaufnahme pro Kurzzeitgedächtnis-/ Aufmersamkeitsintervallintervall? Wer mag das entscheiden. Popper nannte Freud den größten Kulturvernichter aller Zeiten. Galen jedenfalls könnte als größter Gesundheitsvernichter aller Zeiten gelten. Weil er so systemorientiert dachte. Schwamm drüber, seine Patienten und Schüler sind alle tot. Harveys Nachfahren fühlen uns immer noch den Puls und enthalten sich dabei der holistischen Betrachtung. Deswegen hat sich die Lebensdauer in Harveys Heimat verdoppelt seit seiner Zeit.- Die Intuition des Forschers in den naturwissenschaftlichen Fächern, die uns die Verdoppelung der Lebensdauer bei besserer Gesundheit beschert hat, kommt ohne Holistik aus. Sie basteln so herum, denken sich dies und das und versuchen es experimentell zu überprüfen. Sie erwägen höchstens Theoriefragmente. Ansonsten halten sie es wie im Sandkasten. Theorien interessieren sie nicht mehr sehr. Dafür brauchen sie allerdings mehr Beobachtungspräzision vor Ort.-
Auch beim Individuum, dem Psychischen System, das sich von anderen unterscheidet, endogen unterscheidet:
"Aggressive Embryos
Frankreich streitet: Ist Gewaltbereitschaft erblich?
PARIS, im April 06 / FAZ 10.4.06
In der Frage, wie weit der Mensch durch den Menschen zu zähmen sei, gehen die Standpunkte schon bei drei oder vier Diskussionsteilnehmern weit auseinander. Wenn aber Peter Sloterdijk, der Molekulargenetiker Axel Kahn und Jacques Testart, der wissenschaftliche Vater des ersten französischen Retortenbabys, einstimmig vor einer bestimmten Entwicklungstendenz warnen, dann sollte man wissen, worum es geht. Die Debatte, die von der Unesco in ihrer Reihe von philosophischen "Gesprächen fürs einundzwanzigste Jahrhundert" veranstaltet wurde, warf die Frage der Domestizierung des Menschen durch Bio- und andere Mächte auf.
Jacques Testart, der nicht aus religiösen, sondern philosophisch-ethischen Motiven seine Arbeit an der künstlichen Eizellenbefruchtung beendet hat, wendet sich heute gegen jenen "Transhumanismus", der im Zusammenwirken von Bio-, Nano- und Informationstechnologie durch Aussonderung des Unerwünschten eine "sanfte Eugenik" für die modernen Demokratien akzeptabel mache: Der offene Wille zur Macht und zur Kontrolle sei auf dem Gebiet der Menschheitszähmung dank der freiwilligen Unterwerfung unter den Imperativ des Machbaren gar nicht mehr nötig. Sloterdijk steht solchen Skrupeln ziemlich fern und führte auf dem Pariser Diskussionspodium vor allem vor, als wie wichtig ihm inzwischen die Bedeutung von demographischen Schüben fürs Gedeihen des Menschenparks erscheint. Alle biotechnologischen Planungsprogramme, so der deutsche Philosoph, könnten sich dagegen geradezu als Bagatelle erweisen.
Bei aller Unterschiedlichkeit der theoretischen Positionen streifte das Gespräch aber wiederholt ein spezielles Thema, das in Frankreich seit ein paar Wochen für große Erregung sorgt. Ausgelöst unter anderem durch die Unruhen des vergangenen Herbsts in den Vorstädten wird im Innenministerium über vorbeugende Maßnahmen nachgedacht. Ausdrücklich genannt wird dabei eine Studie des Institut national de la santé et de la recherche médicale (Inserm) aus dem letzten Herbst, bei deren Lektüre es einem kalt über den Rücken läuft. Ihr Titel lautet "Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen" und ist auf der Internetseite des Instituts abrufbar. Es geht darum, wie bereits im frühkindlichen Alter bis zu drei Jahren oder gar schon vorgeburtlich bei einem Embryo latente Gewaltbereitschaft diagnostiziert werden kann.
In eisigem Wissenschaftsjargon wird dort beschrieben, wie in diesem Frühstadium bei Mäusen und Ratten im Labor aggressive Veranlagungen festgestellt werden konnten. Der Bericht unterscheidet zwischen eigentlicher "Verhaltensstörung" (trouble des conduites) und "Störung aus Auflehnung" (trouble oppositionnel): Das sei zwar nicht ganz dasselbe, gehe aber oft zusammen, heißt es beim Inserm. Die Experten wollen sich aber nicht mit bloßen Forschungsergebnissen begnügen. Sie empfehlen in ihrer Studie, schon vom embryonalen Stadium an in besonderen Risikofällen - sehr junge Mütter, Eltern aus dem Drogenmilieu, kriminelle oder psychiatrische Vorbelastungen in der Familie - die Entwicklung eines Embryos oder eines Kleinkindes klinisch und psychologisch genau zu verfolgen. Exzessive Motorik, impulsives Verhalten, mangelndes Einfühlungsvermögen, überhaupt schwierige Temperamente seien Verdachtsmomente, die später in Kindergarten und Schule auch von den Erziehern in regelmäßigen Verhaltenstests aufgezeichnet und ausgewertet werden sollen. Als Maßnahme könnten dann je nach Fall psychotherapeutische und pharmazeutische Mittel kombiniert werden.
Wie weit man sich im Innenministerium tatsächlich von diesen Ergebnissen anregen läßt, ist noch nicht klar. Mehrere Politiker einschließlich des Ministers Nicolas Sarkozy wiesen in den letzten Monaten aber ausdrücklich auf die Bedeutung der Frühbehandlung von Gewaltbereitschaft hin. Ärzte, Psychologen, Psychoanalytiker, Sozialarbeiter und Lehrer haben daraufhin gegen diese Formatierungsideologie protestiert, die schwarze Schafe möglichst schon im Mutterleib ausfindig machen und jedes widerspenstige Verhalten außerhalb der dafür vorgesehenen Pubertätszeit als Pathologie behandeln will. ... " JOSEPH HANIMANN, FAZ -

Achill, die Kampfmaschine, ist nur eine Chiffre, ein viriler Typus. Endogen disponiert. Mit hohem Testosteronspiegel wie in der Pubertät und verminderter Impulskontrolle. Für Luhmann außer Blickweite. Der brachte es doch fertig, in "Liebe als Passion" das hormonelle Substrat nicht ein einziges Mal zu erwähnen.
WD

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Sehr geehrter Herr x,
ja, Sie haben recht, die Fernsicht holistischer Systeme kühlt ungemein in der Klasse 10b in der 6. Stunde. Plessners Anthropologie würde das aber auch leisten, und ein zoologisches Oberseminar PRIMATEN ebenfalls. Von der STOA gar nicht zu reden. In die Köpfe kann man nicht jederzeit hineinschauen, natürlich nicht. Birbaumer et al. haben es nachträglich bei Mördern getan, mit interessanten Ergebnissen. Auch bei den sehr ungenauen, groben Stoffwechselhirnbildern kann man sehen, daß die "Empathieprojektionsariale" in bestimmten, blutigen Situationen ruhig bleiben, während sie bei der Kontrollgruppe wild aktiviert sind. Eysenck und andere meinen, daß sich solche individuelle Dispositionen schon im Kindergarten beobachten lassen. Der ACHILL zeige sich schon früh, der brave Perserkriegssoldat Sokrates bleibt in Bezug auf Gewalt unauffällig.- Was sog. Amoktäter betrifft, so erfährt man oft erst sehr viel später, daß es schon früher Gewaltausübung gab. Ich erinnere mich etwa an einen Wertpapierhändler (selbständigen "Daytrader"), der an seinem gemieteten Arbeitsplatz fünf Menschen umbrachte, der aber schon zehn Jahre vorher aufgrund vieler Indizien angeklagt war, seine Frau ermordet zu haben, aber nicht verurteilt wurde, weil die Leiche unauffindbar war. Solche spezifischen Persönlichkeiten fallen freudianischen Beobachtern natürlich erst richtig auf, wenn sie zum Messer greifen.-
Also muß ich doch bei der differentiellen Persönlichkeitspsychologie bleiben, die mir auch anhand der GROßEN FÜNF (sog. Big Five) eine konkretere Erkennung der Schülerpersönlichkeiten erlaubt.

Montag, 6. April 2009

Töten, eine Testosteron-Lust



8-18°C , sehr schön, die Birken treiben aus, allerhand Schmetterlinge flattern umher.


# Töten, eine Testosteron-Lust. Ein Dialog. #
WD: Gilt auch für die Theorie Sozialer Systeme das Böckenförde-Wort, daß sie von Voraussetzungen lebt / aufbaut, die sie nicht recht begreift in der Übergangs-Fuge vom Psychischen System zu sozialen Konfigurationen?
Wer Amsel-Hähnchen im Frühjahr kämpfen sieht, könnte auf eine solche sicher systemtheoretisch abwegige Frage verfallen.

- ' Ernest Hemingway : „Ich töte gerne“.
Nobelpreisträger Ernest Hemingway brüstete sich, 122 deutsche Kriegsgefangene erschossen zu haben – eine Spurensuche.
Günter Grass hatte Glück. Als der Angehörige der Waffen-SS im April 1945 in amerikanische Gefangenschaft geriet, war ein anderer späterer Literaturnobelpreisträger eben in die USA zurückgeflogen: Ernest Hemingway. Wäre Grass ihm in die Hände geraten, hätte ihm dies passieren können:
„Einmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt. Als ich ihm sagte, daß ich ihn töten würde, wenn er nicht seine Fluchtwegsignale rausrückte, sagte der Kerl doch: Du wirst mich nicht töten. Weil du Angst davor hast und weil du einer degenerierten Bastardrasse angehörst. Außerdem verstößt es gegen die Genfer Konvention. Du irrst dich, Bruder, sagte ich zu ihm und schoß ihm dreimal schnell in den Bauch, und dann, als er in die Knie ging, schoß ich ihm in den Schädel, so daß ihm das Gehirn aus dem Mund kam, oder aus der Nase, glaube ich.“ Das schrieb Hemingway am 27. August 1949 seinem Verleger Charles Scribner.
Eine He-Man-Pose? Ernest Hemingway war ein begeisterter Jäger zu Wasser und zu Lande. Man kennt die Trophäenbilder des Großwildjägers, seine Lust am Stierkampf und seine Reportagen. „Ich töte gerne“, hatte er sogar verlautbart.
1944 folgte Hemingway als Kriegsberichterstatter den alliierten US-Truppen in die Normandie. Acht Monate, bis zum 6. März 1945, begleitete er das 22. Regiment der Vierten Infanterie-Division im Rang eines Offiziers, bemerkenswerterweise teils auch im Auftrag des OSS, der Vorgängerorganisation der CIA. „Wir habens hier sehr nett und lustig, viele Tote, deutsche Beute, viel Schießerei und jede Menge Kämpfe“, schrieb er an Mary Welsh.
In Rambouillet ließ er sich mit Zustimmung des OSS-Obersten David Bruce zum inoffiziellen Gouverneur ernennen. Da er fließend Französisch sprach, beruhigte er die Bevölkerung, hielt die Stadt, ließ die feindlichen Stellungen auskundschaften – und verhörte deutsche Gefangene. In dem 50 Kilometer vor Paris gelegenen Ort trug er ein ganzes Waffenarsenal zusammen und entfernte überdies von seiner Uniform die Zeichen des Kriegsberichterstatters, weiß sein Biograph A. E. Hotchner.
Am 2. Juni 1950 berichtete Hemingway Arthur Mizener, dass er 122 Deutsche getötet habe. Eines seiner letzten Opfer sei ein junger, auf einem Fahrrad flüchtender Soldat gewesen – „ungefähr im Alter meines Sohnes Patrick“. Er habe ihm mit einer M1 von hinten durch das Rückgrat geschossen. Die Kugel zerfetzte die Leber.
Dass der Nobelpreisträger gegen die Genfer Konvention verstoßen hat, verschweigen selbst seine Bewunderer nicht. Mit der Zahl und Details konfrontiert, wiegeln sie aber meist ab: Man müsse verstehen, es sei Krieg gewesen. Hemingway hat zwar immer dick aufgetragen, den Macho demonstriert – aber was trieb ihn ohne Not zu diesem Eingeständnis? Die Briefe blieben bis heute in allen Ausgaben unkommentiert. Obwohl es keinen Zeugen für die 122 Morde gibt, mit denen er prahlt, sind jedoch nicht wenige Verehrer entsetzt über den „Massenmörder an deutschen Kriegsgefangenen“ (Alfred Mechtersheimer): Die Stadt Triberg im Schwarzwald setzte daraufhin 2002 ihr Festival „Hemingway Days“ ab. ' Focus 25.09.06 TEXTAUSZUG aus: Rainer Schmitz Was geschah mit Schillers Schädel? , Eichborn 2006

- Sie töteten auch gerne: " Als die Ältesten und Edelsten unter den Sueben bezeichnen sie die Semnonen. Eine Bestätigung ihres hohen Alters bietet ein religiöser Brauch: Zu einer festgesetzen Zeit kommen in einem Wald, heilig durch Weihung der Väter und Ehrfurcht heischendes Alter, alle Völkerschaften desselben Blutes durch Gesandtschaften zusammen, opfern im Namen der Gesamtheit einen Menschen und begehen dann die schauervolle Feierlichkeit eines barbarischen Gottesdienstes. ..." tacitus, germania, 39. Die Semnonen und der heilige Wald
- Im SACRE DU PRINTEMPS Strawinskis haben wir das gleiche für den slawischen Raum musikalisch bearbeitet, wobei nicht nur die Auswahl des Stoffes, sondern auch die Musik selbst eine gewisse Lust am Töten verrät.
- Sie töteten auch gerne: "... Und der erste Engel posaunte: und es ward ein Hagel und Feuer, mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. {2 Mose.9,23} 9,23
Also reckte Mose seinen Stab gen Himmel, und der HERR ließ donnern und hageln, daß das Feuer auf die Erde schoß. Also ließ der HERR Hagel regnen über Ägyptenland, 8Und der andere Engel posaunte: und es fuhr wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer; und der dritte Teil des Meeres ward Blut, {2 Mose.7,20} 7,20
Mose und Aaron taten, wie ihnen der HERR geboten hatte, und er hob den Stab auf und schlug ins Wasser, das im Strom war, vor Pharao und seinen Knechten. Und alles Wasser ward in Blut verwandelt. 9und der dritte Teil der lebendigen Kreaturen im Meer starben, und der dritte Teil der Schiffe wurden verderbt. 10Und der dritte Engel posaunte: und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. {Jesaja.14,12} 14,12
Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefällt, der du die Heiden schwächtest! 11Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden. 12Und der vierte Engel posaunte: und es ward geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, daß ihr dritter Teil verfinstert ward und der Tag den dritten Teil nicht schien und die Nacht desgleichen. {Offenbarung des Johannes 6,12}
Und ich sah, daß es das sechste Siegel auftat, und siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut;{2 Mose.10,21} 10,21
Der HERR sprach zu Mose: Recke deine Hand gen Himmel, daß es so finster werde in Ägyptenland, daß man's greifen mag. 13Und ich sah und hörte einen Engel fliegen mitten durch den Himmel und sagen mit großer Stimme: Weh, weh, weh denen, die auf Erden wohnen, vor den andern Stimmen der Posaune der drei Engel, die noch posaunen sollen! ..." johannes offenbarung, Kap. 8; dieser Johannes ist nicht zu verwechseln mit dem Evangelisten, der ein anderer, unbekannter Autor war. Es gibt seit jeher Streit darüber, ob dieses scheußliche Elaborat alttestamentarischer Machart in den NT-Kanon zu stellen sei.
- "Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf." Koran, Sure 9,5

- Spezifisches LERNEN im Bereich von Makromolekülen (Foerster) : "... Es gibt, sechstens noch eine hervorzuhebende Entwicklung, nämlich die praktische Anwendung der hier besprochenen Theorien zum Zweck der Prophylaxe und Rehabilitation. Meine ursprüngliche Annahme, dass sowohl Neurose als auch Kriminalität als konditionierende Prinzipien verstanden werden können – wobei Neurotiker Angst- und Furchtreaktionen auf früher neutrale Situationen zu rasch und zu stark konditionieren, während Kriminelle nicht hinreichend die sozial adäquaten Reaktionen zu konditionieren vermögen ...“
H.J. Eysenck, Kriminalität und Persönlichkeit, Vorwort S. 12f., Wien 1976


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Lieber Herr Doleys,
ich teile diese Auffassung ganz und gar nicht. Schon der Umstand, daß Sie Ihre Frage so stellen können, wie Sie sie stellen, verweist auf die hier verhandelte Theorie. Schließlich geht sie davon aus, daß soziale und psychische Systeme strikt getrennt operieren und offeriert Denkmöglichkeiten wie Interpenetration und/oder konditionierte Koproduktion, mit denen das Problem des Zusammenhangs dieser Systeme anders und neuartiger bearbeitet werden kann. Alle Ihre Beispiele sind ohne Referenz auf Sozialität gar nicht möglich. Kriege sind soziale Systeme und kaum das Produkt von mörderischen Instinkten. Aggressivität ist selbstverständlich auch geknüpft an neuronale (körperliche) Möglichkeiten, aber das Ausleben dieser Möglichkeiten ist fraglos sozial konditioniert, etwa durch Verbote und Gebote, die unter anderem dazu führen, daß manches Töten sozial legitimiert ist, manches eben nicht. Ihre Zitate belegen es - trotz der Einseitigkeit ihrer Auswahl.
Herzliche Grüße Peter F. "

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WD: Spezialdatenunterversorgung der Theorie
... das überzeugt mich weitgehend.
Worauf ich allerdings abgehoben habe, ist nicht das Kriegshandeln, es ist das individuelle, persönlichkeitsbasierte, psychotizistische Verhalten gegen soziale Gebote, ein asoziales, vorsoziales, sozial destruktives Verhalten (vgl. Eysencks PEN-Modell, http://freenet-homepage.de/oliverwalter/Psychologie/Personlichkeit/Gesamtsysteme/gesamtsysteme.htm) . In der Arbeitsteilung der Geschlechter weit über die Säugetiere hinaus wurde eine männliche Kampfdisposition selektiert, dergestalt, daß diejenigen einen größeren Reproduktionserfolg hatten, die erstens überlebten, weil sie Angreifer abwehren konnten, zweitens, weil sie ihrer Brutgemeinschaft ein auskömmliches Territorium sichern konnten, und sie, drittens, Symbole dieser Fähigkeiten vorweisen konnten, um als Reproduktionspartner zugelassen zu werden. Die Wahl der weiblichen Tiere nach solchen Kriterien ist ein soziales Datum, die gesteigerte Kampfkompetenz eines Achill (im Vergleich zum Soldaten Sokrates im Perserkrieg) ist ein persönlich differenziertes, wenn man, wie bei Tim Kretschmer, eine verminderte, psychotizistische Impulskontrolle annimmt.- Da kann man dann wohl von Interpenetration sprechen.-

Wahrscheinlich irritiert mich bei der Theorie Sozialer Systeme immer, daß sie vor Ort nicht erkenntnisleitend zu sein scheint (vgl. Feyerabend) (und sich bei Herren wie D. Baecker in konkreten Verhältnissen für mich in meiner Perspektive zu empirisch nicht nachvollziehbaren Vermutungen steigert, s. RTL-Interviews).
Oder bei der Diskussion sog. AMOKLÄUFE, die unergiebig als soziales Phänomen behandelt werden, wobei die persönlichkeitsdifferentielle Seite gar nicht in Erwägung gezogen wird.